Politikwissenschafter:

Siege Frankreichs in Mali kein Grund zu feiern

Der nigerianisch-britische Politologe Oladayo Bello betrachtet den raschen Erfolg der französischen Intervention in Mali mit großer Sorge. Die Erfahrungen in Afghanistan hätten gezeigt, dass ein Rückzug von Islamisten nur strategisch sei und den Beginn eines Guerillakrieges signalisiere, sagte der Wissenschaftler vom Südafrikanischen Institut für Internationale Beziehungen (SAIIA) am Montag in Kapstadt der Nachrichtenagentur dpa in einem Interview.

Frage: Scheinbar mühelos haben Franzosen und Malier wieder die Kontrolle über Gao und Timbuktu errungen. Ist der Krieg in Mali bald vorbei?

Bello: "Der schnelle Vorstoß in dem bisher von Islamisten kontrollierten Gebiet ist kein Grund zum Feiern, sondern zur Sorge. In Afghanistan zogen sich die Taliban zurück, weil sie wussten, dass sie zu einem konventionellen Krieg nicht fähig waren. Stattdessen wichen sie samt ihrer großen militärischen Ausrüstung aus und bereiteten sich auf einen Guerillakrieg vor. In dieser Situation befindet sich Frankreich jetzt."

Was kann die französische Antwort sein?

Bello: "Die Franzosen wissen um die Gefahren. Sie haben eine politische und eine militärische Strategie. Politisch muss die Zentralregierung so rasch wie möglich eine nationale Legitimation haben, also baldige Wahlen. Zudem müssen Verhandlungen mit den Tuareg aufgenommen werden, die zwar für Unabhängigkeit kämpften, aber nicht für die Ziele der Islamisten. Militärisch müssen die französischen Truppen schnellstmöglich von afrikanischen Einheiten ersetzt werden, denn sonst werden sie als westliche Besatzungsmacht abgelehnt."

Die Franzosen wurden in Gao umjubelt. Ist nicht die Mehrheit der Menschen erleichtert über die Vertreibung der Islamisten?

Bello: "Es wird nicht lange dauern, bis es in dem zu erwartenden asymmetrischen Krieg, dem Guerillakrieg und den Gegenaktionen der Alliierten, zu sogenannten Kollateralschäden kommen wird. Schon jetzt gibt es heftige Vorwürfe gegen die malische Armee wegen ihres brutalen Vorgehens gegen Verdächtige. Auch wird es bei Kämpfen, in denen es zivile Opfer gibt, international einen Aufschrei der Empörung geben - vor allem in Europa, gerade in Deutschland und Skandinavien. Um das zu vermeiden, wird Frankreich alles tun, um möglichst schnell wieder rauszukommen. Die rasche Aufstockung des afrikanischen Kontingents ist die Exit-Strategie Frankreichs."

Frage: Hatte Frankreich eine Alternative zu der Intervention?

Bello: "Angesichts der zahlreichen Interessen Frankreichs in Westafrika hatte Paris keine andere Wahl. Sonst wäre ganz Mali den Islamisten in die Hände gefallen. Damit wäre aber auch die gesamte Region gefährdet gewesen, die westafrikanischen Staaten und die französischen Wirtschaftsinteressen. Paris musste diesen vergifteten Becher trinken und einmarschieren, obwohl Frankreich die enormen Gefahren kennt."

Frage: Was wäre entscheidend für einen Erfolg?

Bello: "Die internationale Unterstützung muss deutlich stärker werden, militärisch und finanziell. Nur dann werden die Afrikaner selbst als Ordnungsmacht fungieren können. Die Ecowas-Truppen brauchen jede Unterstützung, bei der Ausbildung, mit Waffen und Geld. Die Hoffnungen ruhen auf der Gebertagung am Dienstag in Addis Abeba."

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