Sonderthema:
Straßenschlacht um Kairo

Chaos und Hass

© AP Photo/Ben Curtis

Straßenschlacht um Kairo

Davor haben sich alle gefürchtet. Der schrittweise Rücktritt von Präsident Hosni Mubarak (82) am Dienstagabend – er will bei den Wahlen im September nicht mehr antreten – ist bloß eine Verzögerungstaktik des greisen Regenten. Nur Stunden später schicken er und seine Partei Schlägertrupps los.

Aus allen Stadtteilen Kairos strömen am Mittwoch Menschengruppen in Richtung Tahrir-Platz, dem Zentrum des Aufstands. Die Gruppen tragen Bilder des Präsidenten, viele haben Schlagstöcke, sie schreien: "Mubarak bleib! Wir brauchen dich!" Es sind Arbeiter aus den Arbeitervierteln. Angeblich bekommen sie umgerechnet 20 Euro pro Tag für den Sturm gegen die Mubarak-Gegner: Unter den Demonstranten sind Mitglieder der Gewerkschaften, Angestellte staatlicher Betriebe, die von ihren Vorgesetzten zur Teilnahme aufgefordert wurden. Männer auf Pferden und Kamelen, die sonst Touristen um die Pyramiden führen, schließen sich ihnen an.

Ein Soldat starb, mehr als 750 Menschen verletzt
Zuerst sind es nur wenige hundert, die auf der Nil-Corniche unweit des Platzes der Befreiung Aufstellung beziehen. Hier ist das Staats-TV. Im Haus daneben sind alle internationalen Fernsehstationen untergebracht: "Die Welt soll sehen", schreit der 52-jährige Khalid Mansura, ein Busfahrer, "dass es noch Mubarak-Anhänger gibt!" Er hat einen Schlagstock, droht damit: "Damit prügeln wir jetzt die kriminellen Demonstranten weg." Den heftigen Schreiduellen folgen rasch Raufereien. Chaos und Panik sind die Folge. Mädchen fliehen, stürzen in Panik. Andere widersetzen sich den Mubarak-Schergen. Sie schlagen mit Zaunlatten aufeinander ein. Steine werden geworfen. Es fallen auch Schüsse. Warnschüsse der Armee.

Mehr als 750 Menschen bleiben verletzt zurück, ein junger Soldat ist tot. Der Rekrut wurde von einem Stein erschlagen. Selbst als die Verletzten weggeführt werden, wird auf sie noch eingeschlagen. Auch Journalisten werden Opfer der Angriffe.

Das Land ist gespalten
Jetzt droht in Ägypten ein Bürgerkrieg. Die Armee bleibt passiv. "Der Marsch der Millionen darf nicht erfolglos gewesen sein", sagt Lina, eine 20-jährige Studentin: "Hosni Mubarak ist nur ein Krimineller."
 

In der Nobelvilla von ElBaradei

In der Nobelvilla von ElBaradei
(c) TZ ÖSTERREICH/Karl Wendl

ÖSTERREICH-Reporter Karl Wendl besuchte den Hoffnungsträger Ägyptens.

Er ist das Gesicht der Revolution: Mohammed ElBaradei (62), Friedensnobelpreisträger, Ex-Chef der Atomenergiebehörde in Wien. Ich besuchte ihn in seinem Haus. Es steht an der Alexandria-Wüstenstraße, knapp zwei Kilometer von den Pyramiden in Gizeh entfernt. Hier ist auch das (geheime) Hauptquartier seiner Bewegung. Es gibt kein Büro, kein Sekretariat. Nur ihn und seine Anhänger.

ElBaradeis Villa liegt in einer kleinen, exklusiven Siedlung. Umgeben ist das Areal von einer drei Meter hohen Mauer. An der Einfahrt ein großes, graues Doppel-Flügeltor. Davor zwei Männer im Kaftan: "Ja, Herr Baradei ist zu Hause", sagen sie.

Minuten später kommt ElBaradeis Sohn. Er ist unrasiert, sieht müde aus. Er lebte wie sein Vater zehn Jahre in Wien, spricht perfekt Deutsch. Er entschuldigt seinen Vater: "Es ist sind entscheidende Tage für Ägypten, er hat keine Zeit für lange Interviews." 24 Stunden zuvor hat ElBaradeis schärfster Gegner, Präsident Hosni Mubarak, seinen schrittweisen Rückzug erklärt. Für El-Baradei zu wenig: "Er muss sofort weg, sonst verfällt mein Land in einen achtmonatigen Dauerkampf."

"Präsident Hosni Mubarak betreibt eine Politik der Einschüchterung und kriminellen Methoden", erklärt er. "Ich habe Sorge, dass es in einem Blutbad endet, schließlich sind die Pro-Mubarak-Demonstran­ten nichts anderes als ein Haufen Schläger."
 

Autor: Karl Wendl, Florian Lems
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