Tortenanschlag auf deutschen Grünen-Chef

Bizarre Attacke

Tortenanschlag auf deutschen Grünen-Chef

Für den deutschen Grünen-Bundestagsfraktionschef Jürgen Trittin hätte es eigentlich ein schöner Abend unter Gleichgesinnten werden sollen. Die Macher der Theaterinszenierung zum 30. Jahrestag des Anti-Atomkraft-Staats "Republik Freies Wendland" hatten den ehemaligen Aktivisten am Mittwochabend zu einer Podiumsdiskussion über Ideale und Realpolitik nach Hannover eingeladen. Doch kurz nach Diskussionsbeginn sprang gegen 19.20 Uhr plötzlich ein Maskierter auf die Bühne, warf eine mit heller Farbe gefüllte Torte auf den Grünen-Politiker und rannte davon.

Attacke war "gut"
Obendrein lehnte Trittins Diskussionspartnerin, die selbsternannte Vollzeitaktivistin Hanna Poddig, es ab, sich von der Attacke zu distanzieren und fand sie sogar "gut". Da reichte es Trittin. "Körperliche Gewalt kann keine Basis einer Diskussion sein und ich kann mit niemandem diskutieren, der körperliche Gewalt gegen mich gut findet", sagte der Gast aus Berlin und verließ unverletzt, aber beschmiert die Bühne. Jetzt ermittelt die Polizei wegen versuchter Körperverletzung.

Sympathien
"Du hast alle Sympathien gehabt und sie jetzt verspielt", schrie ein Zuschauer Poddig wegen ihrer Haltung aufgebracht an. Nur wenig später distanzierte sich das Schauspiel Hannover als Veranstalter von der Tat und Poddigs Reaktion. "Das Ereignis wird leider die gesamte Veranstaltung überschatten", sagte der für das Theaterkonzept mitverantwortliche Dramaturg Aljoscha Begrich kurz nach dem Vorfall.

Fröhlicher Beginn
Dabei hatte der sechste Tag in der "Republik Freies Wendland" - das Hüttendorf aus Holz und Pappe ist noch bis Sonntag auf dem Ballhofplatz zu sehen - zunächst fröhlich begonnen. Die Jubiläumsaktion soll an die gleichnamige Republik erinnern, die Atomgegner 1980 auf dem Gelände der Tiefbohrstelle 1004 in der Nähe von Gorleben im Wendland ausgerufen hatten. Nun zogen etwa 50 Schüler des elften Jahrgangs der Integrierten Gesamtschule Roderbruch auf einem Theaterumzug zusammen mit dem bekannten Papppuppenmacher Peter Schuhmann trommelnd und Fahnen schwenkend durch die Innenstadt.

Auf einem der Umzugstransparente war das Goethe-Zitat "Theater = Politik, Politik = Theater" zu lesen. Der Ausspruch des Dichters beschreibe sehr gut den Grundgedanken der Inszenierung, sagte Dramaturg Begrich. Denn in einer Demokratie dürfe sich auch das Theater politisch engagieren. "Wir haben nur eine grobe Struktur vorgegeben, nämlich das Hüttendorf und das Anti-Atomkraft-Thema", sagte der 33-Jährige. Innerhalb dieser Struktur seien die Schauspieler in ihren Aktionen weitgehend frei.

Doch das Konzept der Inszenierung findet auch Kritiker. Zwar dürfe Theater durchaus politisch sein, wie etwa bei Bertold Brecht, meinte Dirk Toepffer, stellvertretender CDU-Fraktionsvorsitzender im niedersächsischen Landtag. "Aber das Bauen von Holzhütten und pseudointellektuelles Debattieren ist noch lange kein Theater", bemängelte er. Vielmehr richte das Staatstheater auf Landeskosten eine politische Veranstaltung der Atomkraftgegner aus, versteckt hinter dem Deckmantel der Kunst. "Jede Kritik wird damit als Zensur abgetan", sagte der CDU-Politiker.

Humor
"Der Herr Toepffer hat einfach keinen Humor", fand hingegen Kerstin Rudek, Vorsitzende der Bürgerinitiative "Umweltschutz Lüchow Dannenberg". Sie ist die "Außenministerin der Republik" und erst am Mittag von einer Exkursion mit Schuhmann durch das Wendland zurückgekehrt. Selbst wenn es keine klassische dramaturgische Handlung gebe, sei es für die Jugendlichen doch eine wichtige politische Erfahrung, sich durch die Inszenierung mit Atomkraft auseinanderzusetzen.

Auch Trittin war nach dem Tortenanschlag jeglicher Humor vergangen, wütend verließ er die Bühne. Dabei war die Nachstellung des Anti-Atomkraft-Staats für den 56-Jährigen die Gelegenheit gewesen, seine Abwesenheit in der Republik vor 30 Jahren wieder gutzumachen. Weil er mit seiner Lebensgefährtin eine Arbeitsteilung hatte - sie war für Anti-Atomkraft-Protest zuständig und er für Hausbesetzungen - fehlte der Umweltaktivist damals. Nun war Trittin kurz da, musste aber beschmiert wieder in den "Rest der Welt" zurückkehren, wie es auf dem gelben Ortsausgangsschild der Republik geschrieben steht.

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