Türkei: Die Furcht vor der nächsten Bombe

Terror-Serie

Türkei: Die Furcht vor der nächsten Bombe

Wir haben keine Angst, wir gewöhnen uns nicht daran, wir bleiben nicht still", steht auf einem Plakat, das auf dem Boden liegt. "Habt ihr die Selbstmordattentäter immer noch nicht fassen können?" auf einem anderen. "Wir sterben" auf einem dritten. Die Anklageschriften werden von Kerzen und roten Nelken umrahmt, immer wieder bleiben Passanten stehen, um Fotos vom Tatort zu machen.

Genau hier, mitten auf der Istanbuler Istiklal-Straße, sprengte sich am Samstag ein Selbstmordattentäter in die Luft. Er riss dabei vier Menschen mit in den Tod, 39 Personen wurden verletzt. Drei der Todesopfer sind israelische Touristen gewesen, der vierte ein Iraner. Ankara identifizierte den Attentäter als den Türken Mehmet Ö., der Verbindungen zum IS haben soll.

Tourismus
Die Einkaufsstraße Istiklal ist die berühmteste Flaniermeile der Bosporusstadt, und befindet sich im Stadtteil Beyoglu auf der europäischen Seite. Ein Geschäft reiht sich ans nächste. Täglich strömen rund ein bis zwei Millionen Einheimische und Touristen aus aller Welt bis spät in die Nacht diese Einkaufsmeile entlang, in deren Seitenstraßen sich Pubs, Discotheken und Restaurants befinden. Die historische Straßenbahn, die entlang der Istiklal den Taksim-Platz mit dem Startpunkt der Zahnradbahn "Tünel" verbindet, ist in jedem Reiseführer abgebildet.

"Welcher Tourist will jetzt noch in die Türkei?", beschwert sich Ali Rizan, der in einem Restaurant unweit des Tatorts kellnert. Im letzten Jahr, so sagt der 38-Jährige, hätte es hier nirgends freie Tische gegeben. "Jetzt überlegt mein Chef schon, ob er nicht einige von uns kündigen soll." Tatsächlich ist das Restaurant an diesem Montagabend für Istanbuler Verhältnisse schlecht besucht.

Alltag Terror
Obwohl die Türken seit Monaten mit den Terrornachrichten leben müssen und der Wahnsinn schon zum Alltag gehört, ist seit dem Anschlag das Viertel Beyoglu außergewöhnlich ruhig. Auch die öffentlichen Verkehrsmittel wie Busse und die Schiffe, die zwischen der europäischen und der asiatischen Seite pendeln, sind ungewohnt leer für die Megametropole. "Wir werden nicht zurückweichen und unseren Alltag weiterleben", sagte Regierungssprecher Numan Kurtulmus unmittelbar nach dem Anschlag. Doch die Menschen fürchten sich; wer kann, bleibt zu Hause.

Am Tag danach reagierten die türkischen Medien unterschiedlich auf den Angriff: "Ihr kriegt uns damit nicht klein", titelte die nationalistische Zeitung "Vatan". Die regierungskritische "Cumuriyet" hingegen schrieb resigniert: "Die Türkei hat kapituliert." Am Sonntag twitterte dagegen Irem Aktas, Verantwortliche für die Medienarbeit der AKP-Frauenvereinigung im Istanbuler Stadtteil Eyüp: "Ich wünschte, die Israelis wären nicht verletzt, sondern gestorben."

Mehr als 200 Opfer
"Ich mag die Israelis nicht", sagt Mehmet Altan, der gegenüber vom Anschlagsort auf der Istiklal-Straße Sesamkringel verkauft. "Aber kein unschuldiger Mensch hat es verdient, von einem Terroristen ermordet zu werden." Der 36-Jährige steht an sechs Tagen in der Woche hier, auch er hätte unter den Opfern sein können. "Schauen Sie sich um", sagt er anklagend, "überall sind Polizisten. Aber sie stehen nur dumm herum, sie tun nichts, um das Volk zu schützen."

Mehr als 200 Terroropfer muss die Türkei seit Juli letzten Jahres beklagen. Nach dem vierten Selbstmordanschlag diesen Jahres sagte Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan am Montag in Istanbul, die Türkei sehe sich mit "einer der größten und blutigsten Terrorwellen in seiner Geschichte" konfrontiert. "Mit Allahs Hilfe werden wird diese Bedrohung überwinden", betonte der Präsident, und rief die Bevölkerung dazu auf, sich dennoch nicht einschüchtern zu lassen.

Auch am Montagabend durchkämmten Polizisten die Straßen rund um die Istiklal. Wieder waren überall Sicherheitskräfte zu sehen, die misstrauisch die wenigen Menschen beobachteten. Touristen trauen sich ohnehin immer weniger in die Türkei, denn die Nachrichten sind alles andere als beruhigend: Nach Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu fahnden landesweit Sicherheitskräfte nach drei mutmaßlichen Mitgliedern der radikalislamischen IS-Miliz, die weitere Anschläge planen sollen.
 

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