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Türkei: Tod eines Buben löste Proteste aus

Gegen die Regierung

Türkei: Tod eines Buben löste Proteste aus

In zahlreichen Städten der Türkei sind am Mittwoch Zehntausende Menschen aus Protest gegen die Regierung von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan auf die Straße gezogen. Auslöser war der Tod eines 15-Jährigen, der bei Straßenschlachten im vergangenen Sommer am Kopf schwer verletzt worden war und seitdem im Koma lag. In Istanbul strömten Zehntausende Menschen zur Beerdigung von Berkin Elvan.

Sein Tod hatte bereits am Dienstagabend im ganzen Land neue Proteste ausgelöst, gegen die Sondereinsatzkräfte der Polizei mit Wasserwerfern und Tränengas vorgingen. Die Demonstranten riefen "Erdogan - Mörder" und "Der Mörder-Staat wird zur Rechenschaft gezogen!". In Ankara setzte die Polizei auch am Mittwoch Wasserwerfer und Tränengas gegen Tausende Demonstranten ein.

Ein dpa-Reporter berichtete, die Lage im Istanbuler Stadtteil Okmeydani, wo sich die Demonstranten versammelten, sei angespannt. Die Polizei war stark präsent, hielt sich aber zurück. Polizei ging auch rund um den Taksim-Platz in Stellung, wo es am Vorabend zu neuen Zusammenstößen gekommen war.

Berkin Elvan war von Regierungsgegnern schon vor seinem Tod zu einer Symbolfigur des Protests gegen die Bebauung des Gezi-Parks in der Nähe des Taksim-Platzes gemacht worden. Er war im Juni 2013 auf dem Weg zum Bäcker, als er zwischen die Fronten der Straßenschlachten von Polizei und Demonstranten geriet. Er wurde vermutlich von einer Tränengasgranate am Kopf getroffen.

Berkins Tod und die neue Protestwelle könnten Ministerpräsident Erdogan wenige Wochen vor den Kommunalwahlen weiter in Bedrängnis bringen. Der islamisch-konservative Regierungschef war bereits im vergangenen Jahr wegen des überaus harten Polizeieinsatzes gegen die Demonstranten scharf kritisiert worden.

In den vergangenen Wochen geriet Erdogan zudem in das Zentrum von Korruptionsermittlungen. Im Internet wurden Telefonmitschnitte veröffentlicht, die die Verwicklung Erdogans in illegale Machenschaften beweisen sollen. Erdogan sprach von manipulierten Aufnahmen, die lediglich ihn und seine Regierung diskreditieren sollten.

Das EU-Parlament forderte die Regierung indes zu einer grundlegenden Verfassungsreform auf. Die Arbeit an einer neuen Verfassung sei von "wesentlicher Bedeutung für den Reformprozess im Land", hieß es in einem Bericht, den das Europaparlament am Mittwoch in Straßburg mit großer Mehrheit verabschiedete.

Die infolge des Korruptionsskandals ohnehin schon nervösen türkischen Märkte reagierten am Mittwoch mit einem weiteren Verfall der nationalen Währung. Die Lira fiel auf den tiefsten Stand seit fünf Wochen. Ein Dollar verteuerte sich bis auf 2,2590 Lira nach 2,2460 Lira im Schlussgeschäft vom Dienstag. Die Börse in Istanbul notierte mehr als ein Prozent schwächer.
 

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