VdB zieht in die Hofburg ein: Estland jubelt

Neuer Präsident

VdB zieht in die Hofburg ein: Estland jubelt

Die Eltern des künftigen Bundespräsidenten waren 1941 aus dem von Sowjets besetzten Estland in das damalige Deutsche Reich geflohen, wo 1944 in Wien "Sascha" Van der Bellen zur Welt kam. Estnische Verwandte jubelten am Dienstag über dessen Wahlsieg, Freude herrscht auch unter Politikern des Landes. Interesse an Van der Bellen gibt es auch im russischen Pskow, der Geburtsstadt seiner Eltern.

"Mitgefiebert"
"Wir haben von ganzem Herzen und mit der ganzen Familie mitgefiebert", sagt Irina Steinberg, eine Cousine des künftigen österreichischen Bundespräsidenten. Der Sonntag sei für sie deshalb ein großer Stress gewesen, erzählt Steinberg im Telefonat mit der APA. "Sein Sieg zeugt davon, dass die österreichische Intelligenzija, die denkenden Menschen, für Sascha gestimmt haben", freut sich die studierte Philologin, die in einem Dorf im Süden Estlands lebt.

Freudig wird der Wahlsieg des ehemaligen Grünen Parteivorsitzenden aber auch von estnischen Politikern kommentiert. "Die Wahl eines Präsidenten mit estnischen Wurzeln sind günstige Bedingungen für eine engere Zusammenarbeit zwischen Estland und Österreich", erklärt der Vorsitzende des außenpolitischen Ausschusses im estnischen Parlament, Sven Mikser. Da Estland aber auch den Aufschwung europaskeptischer Kräfte mit Sorge beobachte, sei er froh, dass sich die Österreicher für Van der Bellen entscheiden haben, sagt der Vertreter der Sozialdemokratischen Partei Estlands gegenüber der APA.

"Estnischer Staatsbürger"
"Das Wahlergebnis ist ein guter Grund, den Österreichern gleich doppelt zu gratulieren", betont auch der ehemalige estnischen Außenminister und nunmehrige liberale Europaparlamentsabgeordnete Urmas Paet. Van der Bellen sei für die jetzige Zeit eine sehr vernünftige Wahl, sie ist gut für Europa und Österreich, erklärt Paet im Gespräch mit der APA. "Für Estland und das estnische Volk spielt aber auch die Tatsache die Rolle, dass Österreich einen estnischen Staatsbürger zum Präsidenten gewählt hat."

Nach Auskunft des estnischen Außenministeriums gelten Kinder von Bewohnern des 1940 zerstörten unabhängigen Estlands, die vor dem 16. Juni 1940 über die estnische Staatsbürgerschaft verfügten, automatisch als Staatsbürger des nunmehrigen Estlands. Der APA vorliegende Dokumente des estnischen Staatsarchivs sowie des deutschen Bundesarchivs belegen, dass Alma und Alexander Van der Bellen senior, die Eltern des künftigen österreichischen Bundespräsidenten, damals im Besitz der estnischen Staatsbürgerschaft waren.

Interesse am künftigen österreichischen Staatsoberhaupt zeigt aber auch Pskow, das im Westen Russland und an der heutigen estnischen Grenze liegt. Die ursprünglich aus Holland stammende Familie war hier im 19. Jahrhundert in den russischen Adelstand erhoben worden, insbesondere der ebenso gleichnamige Großvater von Alexander Van der Bellen hatte vor der Oktoberrevolution des Jahres 1917 eine tragende politische Funktion in der Region gespielt. Nach der bürgerlichen Februarrevolution von 1917 war dieser Vertreter eines russischen Liberalismus zum Kommissar der Übergangsregierung für das Gouvernement Pskow und somit zum lokalen Regierungschef ernannt worden.

"In einigen Lokalmedien finden sich Schlagzeilen, in denen vom Sieg des Nachfahrens eines Aristokraten aus Pskow oder des Enkels des Pskower Gouverneurs die Rede ist", berichtet der Direktor des Archivs der Region Pskow, Waleri Kusmin. In diesem Archiv finden sich zahlreiche Akten zur Familie des künftigen Bundespräsidenten, insbesondere auch zur politischen Tätigkeit seiner Vorfahren. Kusmin geht im Gespräch mit der APA davon aus, dass in der nächsten Zeit auch einige wissenschaftliche Publikationen über die Van der Bellens in Pskow erscheinen werden.

Die Geschichte dieser Kleinaristokraten in Pskow ging jedenfalls nach der Machtübernahme der Bolschewiken zu Ende: 1919 floh die Familie, darunter die Großeltern und der Vater des künftigen österreichischen Bundespräsidenten, vor den Sowjets nach Estland, nachdem die Sowjets 1940 Estland eroberten, floh man erneut Richtung Westen. Van der Bellens Vater hatte zu diesem Zeitpunkt aufgrund seiner Herkunft und insbesondere als international tätiger Banker Repressionen vonseiten des sowjetischen Geheimdienstes NKWD zu befürchten. Die Flucht ging zunächst nach Wien und Ende 1944/Anfang 1945 und somit rechtzeitig vor dem Eintreffen der Rote Armee in Ostösterreich weiter nach Tirol, wo Van der Bellen senior eine Existenz im Außenhandel aufbauen konnte und zudem ein künftiger Präsident heranwachsen sollte.
 

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