Keine Waffen-Debatte nach Massaker

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Keine Waffen-Debatte nach Massaker

Nicht dass es was nützte. Aber wenigstens eine nationale Debatte gab es noch nach dem Massaker an der Columbine Highschool 1999, als die Schüler Eric Harris und Dylan Kleebold in voller Kampfmontur 12 Mitschüler und einen Lehrer töteten. Zumindest für ein paar Tage war das Thema US-Waffenwahn im Schlaglicht auch nach dem Blutbad an der "VA Tech"-Uni 2007. Die Opferzahl lag mit 32 Toten ja auch besonders hoch.

Doch heute? Die Massaker kommen weiter fast im Zweiwochen-Rhytmnus - doch kein US-Politiker will das Thema mehr anfassen. Die Angst vor der Waffen-Lobby "National Rifle Association" (NRA) scheint total. Hohle Worthülsen gab es daher  nach dem Batman-Massaker in Colorado (12 Tote) wie auch dem jüngsten Amoklauf eines Neonazis in einem Sikh-Tempel in Wisconsin am Sonntag (7 Tote) seitens des White House und Republikaner-Herausforderer Mitt Romney. Obama und Frau Michelle seien "zutiefst bestürzt" über den Amoklauf, ließ der Präsident aussenden. Immerhin lamentierte er, dass es zu viele derartige Gewaltakte gäbe. Romney beklagte zahnlos einen weiteren "sinnlosen Akt der Gewalt".

Doch vor konkreten Politvorstößen, wie etwa der Erneuerung des Verbots von "Angriffswaffen", das 2004 auslief, scheuen heute praktisch alle Politiker zurück (außer New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg, der als Milliardär die NRA nicht zu fürchten braucht...). Das Debakel kann nur mehr als kompletter Sieg der Waffenlobby gewertet werden. Es ist dazu auch ein Synonym des Niedergangs der US-Politik, wo Volksvertreter aufgrund immer teurerer Wahlkämpfe gehorsam vor inzwischen jeder erdenklich Lobby in die Knie gehen.

Denn die NRA ist natürlich keine überirdische Macht, die wie beim Film "Independence Day" mit gigantischen Untertassen einschwebte und die "Supermacht" in Schach hält: Zwar hat die 1871 gegründete Organisation 4,3 Millionen Mitglieder und setzt ihre Millionen bereitwillig gegen waffenkritische Kandidaten ein. Doch wie kann eine private Interessenvertretung das White House, den Kongress und Landesparlamente derart in die Knie zwingen? Die NRA vertreidigt mit Klauen das "Second Amendment" der US-Verfassung, das Amerikanern das Recht zum Tragen von Waffen garantiert. Doch offenbar zuckt nun niemand mehr bei der Pervertierung der Verfassung mit der Wimper, wenn ein 24-Jähriger 6000 Schuss Munition, ein "Smith & Wessen"-Gewehr mit 100-Schuss-Magazin und ein AK47-Maschinengewehr kauft - wie Killer-"Joker" James Holmes vor dem Amoklauf während der Batman-Premiere in Aurora im Vormonat.

18000 Menschen werden in den USA pro Jahr ermordet, die leichte Verfügbarkeit von Waffenarsenalen verwandelt Armenviertel von Metropolen wie Chicago in blutige Kampfzonen. Doch auch die Bevölkerung scheint fast aufgegeben zu haben: Die jüngsten Massaker ließen die öffentliche Meinung nahezu unverändert, 47 Prozent erachteten laut "Pew Research Center" striktere Kontrollen als höhere Priorität als das Bürgerrecht auf Waffen. Doch 48 % lehnen weiter ein Eingreifen des Staats strikt ab. Dadurch können die Nichtstuer-Vorwürfe gegen Washington eigentlich auch relativiert werden: Warum sollen Politiker im Kampf gegen die NRA ihre Karriere riskieren - bei einer derartigen Apathie der Wähler...

Mehr von unserem US-Korrespondenten Herbert Bauernebel finden Sie hier auf AmerikaReport.com

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