05. September 2009 18:32
© TZ ÖSTERREICH / FIEDLER
Deutsche Krankenhäuser zahlen Ärzten großzügige „Kopfgelder“ für lukrative
Überweisungen. Das berichtet einer, der es wissen muss: Der Augenarzt Ludwig
A., der an dieser Praxis jahrelang gut verdient hat. Er will zwar anonym
bleiben, aber er kann offen sprechen, weil er seine Ordination aufgibt.
800 Euro Provision/Überweisung
A. klagt an, dass Mediziner
regelmäßig für Patienten Geld kassieren, wenn sie sie in bestimmte
Krankenhäuser überweisen. Er spricht wörtlich von einer „Medizinmafia“ in
deutschen Spitälern. „Wir machen das alle. Das läuft seit zehn Jahren so.”
Die Spitäler würden sich um Patienten, die hohen Umsatz bringen, regelrecht
reißen. „Ich habe als „Kopfgeld“ von der Klinik zehn Prozent der
Operationskosten bekommen“, berichtet der Augenarzt.
Topverdiener
Topverdiener unter den Schmiergeld-Ärzten seien die
Urologen, so der Aufdecker-Arzt. Denn: „Urologische Eingriffe dauern lange
und bringen somit mehr Geld als zum Beispiel eine Operation gegen den Grauen
Star“, so der Insider. Die Beträge reichen von 70 Euro für kleinere
Eingriffe bis zu 800 Euro pro Patient. Diese Vorgehensweise wird geschickt
vertuscht, indem die jeweiligen Beträge als „Nachbereitung“ oder als
„Beobachtungspauschale“ ausgewiesen werden. „Da kann keiner was nachweisen“,
meint der gesprächige Arzt. Es würde „Kopfgeld-Verträge mit Tausenden Ärzten
geben.
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ÖSTERREICH: Sind Ihnen in Österreich Provisionszahlungen
an Ärzte bekannt? Kurt Langbein: Im sehr großen
Umfang wurden HNO-Ärzten Provisionen gezahlt - und zwar dafür, dass
sie bestimmte Hörgeräte an Patienten verordnen. Das hat so große
Ausmaße angenommen, dass einzelne Firmen, die da nicht mehr mithalten
konnten, sich bei der Krankenkasse beschwert haben. Da geht es um
sehr große Beträge.
ÖSTERREICH: Gibt es auch Prämien für Überweisungen wie in
Deutschland? Langbein: Es ist derzeit öffentlich nichts
bekannt. Aber es gibt leider keinen Grund zur Annahme, dass es das bei
uns nicht geben soll. Denn, überall dort, wo Ärzte zusätzlich privat
abkassieren, dafür, dass sie Leistungen in Spitälern erbringen und
gleichzeitig diese Geldflüsse völlig intransparent sind, muss man
befürchten, dass das auch in Österreich passiert.
ÖSTERREICH: Wie könnte man das unterbinden? Langbein:
Das Problem ist, dass alles über eine leistungsorientierte
Finanzierung läuft. Die Spitäler werden nach Fallzahlen bezahlt. Die
Kliniken schauen, dass sie ihre Existenzberechtigung nachweisen können
und auf genügend Patienten kommen. Und deshalb gibt es etwa in
Österreich doppelt so viele Operationen bei der Gebärmutter und beim
Blinddarm als im europäischen Durchschnitt.
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Österreich: Doppelt so viele Operationen wie nötig
Dass
dies auch in Österreich Praxis ist, ist für den Medizinjournalisten Kurt
Langbein durchaus denkbar. „Denn, überall dort, wo Ärzte zusätzlich privat
abkassieren, dafür, dass sie Leistungen in Spitälern erbringen und
gleichzeitig diese Geldflüsse völlig intransparent sind, muss man
befürchten, dass das auch in Österreich passiert“.
Hörgeräte
Konkretes Beispiel: HNO-Ärzten werden laut
Langbein großzügige Honorare von Firmen gezahlt, wenn sie Patienten
bestimmte Hörgeräte verordneten. Zudem werden in Österreich doppelt so viele
Operationen wie im europäischen Schnitt durchgeführt. Langbein ist deshalb
dafür, die gesamte Finanzierung des Gesundheitssystems auf den Kopf zu
stellen. Doch im aktuellen Kassensanierungspaket der Regierung gebe es nur
„Absichtserklärungen“.
Fakt ist: Trotz des Skandals hat sich auch in Deutschland die Ärztekammer
schützend vor die Mediziner gestellt und spricht nur von „Einzelfällen“.
Anderer Meinung ist die Staatsanwaltschaft: Sie hält diese Bestechungen für
„relativ weit verbreitet“.