Das Baby aus dem Tsunami

Schicksal

© sxc, Symbolbild

Das Baby aus dem Tsunami

Im Dezember fliegen sie wieder hin. Nach Thailand, dem Land, das ihnen alles nahm – aber wo auch ihr neues Leben begann.

Am 26. Dezember jährt sich die Flut-Katastrophe in Asien zum fünften Mal. 220.000 Menschen starben, als ein Monster-Tsunami übers Land schwappte. Viele Europäer verbrachten damals ihre Weihnachts-Ferien im Urlauber-Paradies – das mit einem Schlag zur Hölle wurde. Auch Billi Cramer (45) und ihr Ehemann Burkhard (46) sind da. Wir sehen Fotos vom Strand wie aus dem Bilderbuch. Er stark, groß, braungebrannt, Bodyguard unter anderem von Michael Schumacher und Boris Becker. Sie das Ex-Model aus München, blond, strahlend. Die Kinder Mika, 4, und Henry, 5, Sonnenscheine beide.

Auch Michael Schäffer verbringt seinen Urlaub in Thailand. Der Diplomingenieur aus Stuttgart, geboren in El Salvador, fotografiert seine Ehefrau Emmanouela (43) und die süßen Töchter Elli (10) und Patricia (8) im Hotelzimmer. Es sind die letzten Bilder vor ihrem Tod.

Dann kam die Monsterwelle. Burkhard Cramer und die beiden Buben, Emmanouela Schäffer und ihre Töchter – alle tot. Zwei Familien ausgelöscht. Nur Billi Cramer und Michael Schäfer überleben.

„Radikaler Schnitt“
Nach einem halben Jahr ruft sie ihn an, fragt, wie er es schafft weiterzuleben mit all der Trauer. Sie verabreden sich, verlieben sich ineinander. Am ersten Jahrestag fahren sie gemeinsam nach Thailand. Sie ziehen aus Deutschland nach Südfrankreich („Wir mussten einen radikalen Schnitt machen“). Im Mai 2007 dann die Hochzeit.

Am 17. Juli erlebt ihr neues Glück den Höhepunkt. Töchterlein Sienna Bahia Fee (zu Deutsch „kleiner Stern in der Bucht) wird geboren. Ein Kind der Liebe.

„Wenn ich mein Baby im Arm halte, kann ich noch gar nicht richtig glauben, dass es Sienna tatsächlich gibt“, sagt Billi Cramer-Schäffer im Interview mit der deutschen Zeitschrift „Bunte“ in ihrem neuen Haus in St. Tropez. „Selbst während meiner Schwangerschaft war ich mir sicher, dass ich nie mehr richtig glücklich sein kann. Der Schmerz über den Tod meiner beiden Söhne und meines Mannes Burkhard ist einfach zu groß. Doch mit Siennas Geburt kam überraschenderweise auch das Glücksgefühl zurück.“

Der Weg zum neuen Glück war steinig. „Ich habe mehr als zwei Jahre lang probiert, schwanger zu werden“, sagt Billi Cramer. „Erst auf natürlichem Weg, weil ich gegen künstliche Befruchtung war. Aber durch den Schock und meine permanente Trauer wollte mein Körper nicht schwanger werden.“

Künstliche Befruchtung
Eine Adoption scheidet aus – der Ehemann will nicht. In Deutschland fand sich kein Arzt, der eine künstliche Befruchtung durchführen wollte – sie sei zu alt dafür. Ein französischer Arzt gab ihnen den Tipp, es in einer Spezialklinik in Valencia zu probieren.

Aber: Auch hier geht der erste Versuch schief. „Ich war am Boden zerstört“, sagt Billi Cramer. „Ich hätte durchdrehen können, wenn ich eine Schwangere gesehen habe. Wer wie ich schon einmal Mutter war, kann es noch viel weniger akzeptieren, dass es nicht mehr klappen will.“

Dann wird alles gut
Der zweite Anlauf klappt. Als es Billi Cramer erfährt, fällt sie ihrem Gynäkologen um den Hals. „Ich habe laut geschrien vor Freude.“ Sie ruft ihren Ehemann an. Er sitzt gerade im Zug. „Ich habe geweint“, sagt er.

Seit diesem Tag ist das Lachen in ihre Gesichter zurückgekehrt. Auch weil Sienna so ein süßes Kind ist. Blaue Augen, sie lächelt viel. „Das ist dann für mich Freude pur“, sagt Michael Schäffer. „In diesem Moment denke ich nicht an das Leid und den Schmerz der vergangenen Jahre.“

„Wir brauchen sie zum Leben“, sagt Billi Cramer. „Sienna ist vom ersten Tag an ein so liebes und ruhiges Baby. Sie weint kaum und hat einen sonnigen Charakter. Ich denke, dass sie spürt, wie traurig ihre Eltern vor ihrer Geburt waren und dass sie uns glücklich machen muss.“

Zweites Baby
Der Gusto auf mehr ist da. „Wir hätten gerne so schnell wie möglich noch ein zweites Kind“, verrät Michael Schäffer der „Bunte“. „Am liebsten drei oder vier, aber dafür sind wir leider schon zu alt“, sagt seine Frau. „Außerdem hat mir mein Gynäkologe im Moment verboten, schwanger zu werden. Ich hatte bereits drei Kaiserschnitte. Dadurch ist meine Gebärmutter ganz dünn geworden und könnte bei der nächsten Schwangerschaft reißen. Das wäre lebensgefährlich für Mutter und Kind.

Falls der Arzt später sein Okay gibt: „Wir haben noch ein paar Eizellen eingefroren“, lächelt Billi.

Sienna wird mehrsprachig aufwachsen – Deutsch, Französisch, Spanisch (seine Muttersprache) – und gut behütet, wohl mehr als andere Kinder. „Wir haben extrem viel Angst, dass unserer Kleinen etwas zustößt“, sagt Billi Cramer.

Im Dezember nehmen sie ihr Baby mit nach Thailand. Sie wollen auch den Tempel besuchen, in dem ihre Liebsten eingeäschert wurden. Die Angst vor einem neuen Tsunami wird mitreisen. „Wir machen uns deswegen schon Gedanken“, sagt Michael Schäffer. „Wir werden nicht am Wasser wohnen.“

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