Das Protokoll des Wunder-Piloten

Wasserlandung

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Das Protokoll des Wunder-Piloten

Als alles vorbei war, griff er zum Handy und rief seine Frau Lorrie in Danville in Kalifornien an: „Es ist ein kleiner Unfall passiert.“ Als die Frau wenig später den Fernseher einschaltete, wusste sie: Das war eine krasse Untertreibung.Chesley „Sully“ Sullenberger hatte geschafft, was bisher keinem gelungen war: einen Airbus 320 in den Hudson River zu steuern. Wildgänse hatten beide Triebwerke der Maschine zerstört. Die letzte Chance: eine Wasserlandung ...

Lorrie Sullenberger hetzte in die Schule und holte ihre beiden Töchter ab. Sie zitterte am ganzen Leib. Der Schock. Sie wollte die Kinder um sich haben.

Ihr Ehemann saß da mit ­einer Decke am Rücken im Fährhafen von New York, nippte an einem Kaffee und sah so cool aus, als käme er gerade aus der ersten Tanzstunde. „Er war überhaupt nicht aufgeregt, ist nur da gesessen“, erinnern sich Sanitäter. „Es ist äußerst selten, dass ein Pilot in seiner Berufslaufbahn ein Flugzeugunglück am eigenen Leibe erlebt“, hatte Sullenberger zu seiner Frau immer gesagt. Jetzt war eingetreten, was der routinierte Flieger (40 Jahre Praxis) stets für unwahrscheinlich gehalten hatte.

Held wider Willen
Wer ist der Teufelskerl aus der Pilotenkanzel? 57 Jahre alt, sieht aus wie David Niven in seinen besten Jahren, ist laut Kollegen im Job so konzentriert wie Clint Eastwood in „Dirty Harry“. Er war sieben Jahre lang in der Army Kampfpilot (F4), arbeitet seit 29 Jahren bei ein und derselben Airline: US Airways. Der Witz: Sullenberger ist Piloten-Ausbilder und untersucht für die Regierung seit Jahren Flugzeugabstürze. Was in der Krisensituation Donnerstagabend hilfreich war: Er ist auch ausgebildeter Segelflieger, hat eine eigene Firma, die Airlines in Sicherheitsfragen berät.

Know-how, das 155 Menschen nun zu schätzen wissen. Bis auf ein paar Blessuren überlebten alle Insassen den Horrorflug ins Wasser, der sich nicht einmal auf dem Simulator üben lässt. So unwahrscheinlich ist, dass so etwas passiert.

Ein Held will Sullenberger trotzdem nicht sein. Als New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg (selbst erfahrener Pilot) Freitag die Helden von Airbus 320 ehren wollte, fehlte einer: Hauptdarsteller „Sully“. Der beriet sich lieber mit einer Untersuchungskommission, tüftelte an den Ursachen des Crashs. Nichts interessiert ihn derzeit mehr.

Was Sullenberger erzählte, macht das Bild des Absturzes nun schärfer. Das Protokoll der Wasserung:

  • 15.26 Uhr (Ortszeit New York): Sully Sullenbergers Airbus 320 erhält am La Guardia Airport die Startfreigabe für den Flug nach Charlotte (North Carolina).
  • 15.27 Uhr. 45 Sekunden nach dem Start bekommt die Maschine plötzlich einen Schlag. Der Pilot funkt die Flugsicherung an: „Notfall. Vogelschlag in beiden Triebwerken.“ Heißt: Beide Turbinen sind tot. Der Airbus wird zum Segelflieger.
  • 15.28 Uhr. Sullenberger meldet sich über Bordfunk: „Wir haben einen Notfall. Fertig machen für die Notlandung.“ Seine Stimme ist ruhig, als würde er gerade das Mittagsmenü ansagen.
  • Panik im Passagierraum. Flammen steigen aus dem linken Triebwerk. Sullenberger meldet sich im Tower: „Ich sehe einen Flugplatz in der Nähe“: Teterboro. Er sucht um Landeserlaubnis an. Was er ahnt: Die Maschine schafft es nicht bis dahin. Sullenberger entscheidet: „Wir landen auf dem Fluss.“ Dann ist der Funk tot.
  • 15.29 Uhr. Der Wunderflieger startet sein Rettungsmanöver. Er zieht über den Stadtteil Bronx Richtung Hudson River, leitet den Gleitflug ein, die Landeklappen sind halb ausgefahren. Geschwindigkeit: 350 km/h. Von den Bürotürmen aus sehen New Yorker zu, wie die Maschine rasch Höhe verliert.
  • Die Cockpit-Crew schaltet Klima- und Druckanlage aus, Sullenberger fährt die Landeklappen voll aus. 30 Meter über der Wasseroberfläche hat die Maschine immer noch 250 km/h. „Sully“ zieht die Nase des Jets hoch, meldet in der Kabine „Fertig machen für den Aufschlag.“ Der Airbus kracht in Flussrichtung (zuerst mit dem Heck) auf den Hudson River auf. Innerhalb von Sekunden wird der Airbus auf 0 km/h gebremst.
  • 15.30 Uhr. Die Stewardessen reißen die Türen auf, die Notrutschen falten sich auf, legen sich auf die Wasseroberfläche. In der Kabine herrscht Chaos, Wasser (minus 2 Grad kalt) schlägt gegen die Scheiben und dringt in die Kabine ein.
  • 15.34 Uhr. Bei der Feuerwehr geht der Notruf ein. „Code 1060 – Großunfall mit Flugzeug“. Alarm.
  • 15.46 Uhr. Die ersten Feuerwehrmänner sind vor Ort, melden an die Zentrale: „Dringend alle Löschboote zum Unfallort. Wir haben mehrere Personen auf der Tragfläche. Mehrere Fähren umkreisen das Flugzeug.“
  • 16.09 Uhr. Die ersten 30 Passagiere sind in Sicherheit, erreichen mit Touristenfähren Pier 79.
  • 16.20 Uhr. Der Einsatzleiter meldet der Zentrale: „Der Pilot bestätigt: Alle Passagiere sind raus aus dem Flugzeug auf den Tragflächen.“
  • Wunderpilot „Sully“ Sullenberger selbst hatte sich versichert, dass niemand mehr an Bord ist. Als Letzter geht er zweimal den Passagierraum ab, kontrolliert alles. Erst dann lässt er sich selbst retten.

Am Pier spendeten einige Überlebende ihrem Helden Applaus. Am Montag beginnt für „Sully“ eine ganz normale Arbeitswoche. Er pilotiert sein nächstes Flugzeug.

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