11. September 2008 15:13
Die Albträume und die Furcht sind geblieben: Gefangen im Inferno des
lodernden World Trade Center, immer auf der Flucht. Schweißgebadet wacht
Marcy Borders (35) Nacht für Nacht auf. Am 11. September 2001 stand sie im
81. Stock des Nordturms am Kopiergerät, als sich der erste Todesjumbo knapp
über ihr in die Fassade bohrte. Die ehemalige Büroangestellte ist eines der
Gesichter von 9/11. Das Foto, auf dem sie völlig staubverkrustet aus dem
Tower flüchtet, steht noch heute für all die Trauer, Wut und Angst des
Infernos. Doch auch das Leben von Marcy geht weiter. In den Armen hält sie
Baby Zayden, gerade fünf Monate alt. Er soll ihr beim Start in ein neues
Leben abseits des posttraumatischen Stress helfen. ÖSTERREICH traf sie
sieben Jahre danach in ihrer neu renovierten Kleinwohnung in Bayonne, New
Jersey.
ÖSTERREICH: Nach all den Jahren des Traumas: Beginnt mit Baby
Zayden jetzt ein neues Leben?
Borders: Ich dachte, dass ich wieder mehr Würze für mein Dasein
brauchte. Und dann kam das Baby. Ungeplant zwar, aber es war genau das
Richtige: Der Süße gibt mir Kraft, einen neuen Lebenssinn. Und er hält mich
auf Trab, lenkt mich ab, um nicht wieder in die alte Finsternis zu
verfallen. Er ist ein wahres Geschenk Gottes.
ÖSTERREICH: Sie haben noch Angst?
Borders: Die Narben sind frisch, als wäre das alles gestern passiert:
Die Geister von 9/11 spuken in meinem Kopf. Mein Leben wurde mir an diesem
Tag gestohlen. Die Träume wiederholen sich: Ich will weg aus New York, doch
sitze in der Falle. Und dann mischt sich auch der Irakkrieg hinein. Am
Gedenktag weine ich mit den Kindern mit, die keine Eltern mehr haben. Ich
war kein einziges Mal zurück in Manhattan. Ich steige in keinen Zug, keine
U-Bahn. Aber mit Baby Zayden schaffe ich es wenigstens zum Spielplatz. Ich
komme öfter raus aus meiner Wohnung. Und er zwingt mich zu mehr
Selbstdisziplin: Ich muss jeden Tag früh auf, um für ihn zu sorgen. Es ist
wie eine Therapie: Er lächelt mich an – und alles ist vergessen.
ÖSTERREICH: Was sind Ihre Pläne?
Borders: Ich starte vielleicht bald als unbezahlte Aushilfskraft in
einer Kinderkrippe. Um mich wieder an den Arbeitsrhythmus zu gewöhnen. Ich
würde gerne mit Kindern arbeiten. Eine Rückkehr in die Finanzwelt kann ich
mir nicht mehr vorstellen. Die Hoffnung auf Regierungshilfe habe ich
aufgegeben.
ÖSTERREICH: Haben Sie noch Ihre Kleider von damals?
Borders: Ja, natürlich. Es ist mein „lucky outfit“, die Kleider am
Leib, mit denen ich wie ein Wunder in diesem Inferno überlebte. Man kann
immer noch den penetranten Gestank riechen. Ich werde sie reinigen und an
meinem ersten Arbeitstag wieder anziehen. Ein stolzes Comeback in ein neues
Leben.
ÖSTERREICH: Wovon leben Sie jetzt?
Borders: Meine Mutter hilft mir – und auch Zaydens Dad.
ÖSTERREICH: Haben Sie Angst vor weiteren Attacken?
Borders: Es wird sicher wieder was passieren – ich hoffe diesmal,
wirklich weit davon entfernt zu sein.
Foto: (c) Brigitte Stelzer