Ex-Geisel:

Interview

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Ex-Geisel: "Wir dachten: Jetzt bringen sie uns um"

Es passierte am 19. September. In Ägypten wurden elf Urlauber gemeinsam mit ihren acht Führern verschleppt. Nach zehn Tagen kam die Gruppe auf abenteuerliche Weise frei. Nun berichten die deutschen Geiseln nach ihrer Rückkehr in ihr Heimatland über die dramatischsten Tage ihres Lebens. „Wir dachten, jetzt bringen sie uns um“, so der Berliner Bernd Laube.

60 Grad Hitze
Warum kamen die Geiseln so schnell frei, während die österreichischen seit sieben Monaten gefangen gehalten werden? Dabei wird klar, wie belastend die Tage für die österreichischen Geiseln sein müssen. Der Deutsche Laube berichtet von den mehr als 60 Grad in der Wüste, von unfassbaren Strapazen und der dramatischen Flucht.

Denn während in Österreich weiter über die Freilassung der Geiseln verhandelt wird, trafen 150 Deutsche Soldaten der Spezialeinheit GSG 9 schon 36 Stunden nach der Entführung der Deutschen bis an die Zähne bewaffnet in Ägypten ein und halfen den lokalen Soldaten und Polizisten, die Geiselnehmer einzukreisen. Am Wochenende lieferten sich die Soldaten mit den Entführern, die es mittlerweile bis in den Sudan geschafft hatten, ein Feuergefecht. Sechs Entführer starben dabei. Die anderen waren so eingeschüchtert, dass sie zurück zu ihren Geiseln fuhren und sie laufen ließen.

Nur einen Jeep ließen die Kidnapper den elf Europäern. „19 Personen mussten sich in ein Auto quetschen“, sagt Christoph K., eine der Geiseln, im ÖSTERREICH-Gespräch. „Man hat uns Gott sei Dank ein GPS-Gerät gelassen, so fanden wir den Weg zurück.“

Bernd Laube erzählt von seinem Martyrium

Bernd Laube: Wir waren im Südwesten von Ägypten unterwegs, als sie uns mit Gewehren angriffen. Sie haben uns alles weggenommen. Dann haben sie uns verschleppt. Die Kidnapper waren bewaffnet bis an die Zähne. An ihren Militärjeeps hingen Panzerfäuste in Fünferbündeln. Es ist absurd. Ich habe oft gedacht: in Berlin leben 3,5 Millionen Menschen und einer davon ist entführt worden – und das bin ich. Es hatte bis zu 60 Grad in der Wüste. Einmal habe ich mich mittags ins Auto gesetzt, weil es so heiß war. Ich dämmerte so vor mich hin, da sehe ich auf der Rückbank einen Entführer schlafen. Dann wacht er auf, steigt aus – und lässt sein Maschinengewehr einfach so liegen. Da denkt man natürlich daran, das Ding zu nehmen. Aber ich bin ja nicht blöd!

Frage: Und wie kamen Sie frei?

Laube: Sonntag, so um 19 Uhr, kamen die Entführer in Jeeps in unser Wüstenlager gebraust. Auf einmal herrschte ein Riesendurcheinander in der Wüste. Dann nahmen sie uns unsere Uhren, unser Werkzeug und die ganze Ausrüstung ab. Der Hauptmann der Entführer ging dann zu unserem ägyptischen Reiseleiter und sagte: „Ihr habt unsere Leute umgebracht, aber wir bringen Euch nicht um. Wir lassen Euch frei!“

Frage: Hatten Sie damit gerechnet?

Laube: Nein, niemals, das war eine große Überraschung. Die ersten Minuten waren hart: Wir dachten, jetzt bringen sie uns um. Unsere größte Angst im Lager war die ganze Zeit, dass die Freischärler angegriffen würden und uns aus Rache umbringen.

Frage: Können Sie genauer berichten, wie Sie überhaupt entführt wurden?

Laube: Am dritten Tag unserer Reise sind wir in einem Sandfeld stecken geblieben – 150 Kilometer nördlich der sudanesischen Grenze, in ägyptischem Gebiet. Ich saß im ersten Wagen, der schon wieder freigekommen war und weiterfuhr. Als die anderen nicht nachkamen, sind wir umgedreht, und dann kamen uns auch schon schwarze Punkte entgegen. Das waren jedoch nicht unsere anderen Jeeps, sondern schwarze Autos. Die Freischärler zwangen uns mit Maschinengewehren auszusteigen und unsere Handys und Fotoapparate abzugeben. Wir wurden bis zur Unterhose ausgeraubt. Dann wurden wir in den Sudan verschleppt, wo wir bis zur Freilassung dann auch blieben.

Frage: Wie wurden Sie von den Geiselnehmern behandelt?

Laube: Das waren nette Kriminelle, sie haben nie Gewalt angewendet. Die wollten nur Geld und hatten keinen ideologischen oder religiösen Hintergrund. Unsere ägyptischen Reisebegleiter haben die Entführer sogar mitbekocht. Am Schlimmsten war die Hitze, mittags herrschten 60 bis 70 Grad und weit und breit gab es keine Oase – nur Wüste.

Frage: Können Sie sich vorstellen, warum Sie freigelassen wurden?

Laube: Nach zehn Tagen wurden wir langsam zu einer Belastung für die Entführer. Außerdem haben wir unserem Reiseleiter Ibrahim viel zu verdanken. Er blieb stets ruhig und verhandelte geschickt und gewandt. Er hat uns das Leben gerettet.

Frage: War wirklich nur Verhandlungsgeschick entscheidend – oder wurden Sie von der Regierung freigekauft?

Laube: Nein, das glaube ich nicht, es wurde kein Geld gezahlt.

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