Todesangst

"Ich war Geisel des Amok-Killers"

Das Blutbad von Winnenden vor einer Woche, bei dem 16 Menschen starben – es hätte noch schlimmer enden können. Denn die Geisel des 17-jährigen Amokläufers Tim Kretschmer rettete mehreren Menschen das Leben.

Im Exklusiv-Interview mit dem deutschen Nachrichtenmagazin stern schildert Igor Wolf, deutscher Staatsbürger kasachischer Abstammung, die zweistündige Irrfahrt mit dem bewaffneten Amokläufer. Durch Geistesgegenwart, Psychologie und nicht zuletzt den Mut der Verzweiflung konnte er ein neuerliches Horrorszenario verhindern.

Es begann am Morgen des 11. März vor der Psychiatrie von Winnenden, die neben der Albertville-Realschule liegt: Dort hatte Tim Kretschmer kurz zuvor ein Blutbad angerichtet. Wolf wartete in seinem VW Sharan auf seine Frau Oksana. In einer Seitengasse hatte er einen Parkplatz gefunden. Es war exakt 9.47 Uhr, als er Geisel wurde ...

Frage: Sie waren zwei Stunden in der Gewalt des 17-jährigen Amokläufers Tim Kretschmer. Wie kam es dazu?
Igor Wolf: Ich wartete. Plötzlich riss jemand die rechte Hintertür auf. Er sprang ins Auto mit einer Pistole in der Hand.
Frage: Sie blieben sitzen?
Wolf: Ja, ich habe gesehen, dass er mit der Pistole direkt auf mich zielt, und ich habe ihn gefragt: Was willst du von mir? Ja spinnst du denn? „Jetzt fahr endlich los! Fahr schnell!“, hat er gesagt, „ich habe schon 15 Menschen umgebracht in meiner alten Schule, und das war für heute noch nicht alles.“
Frage: Sie fuhren also los?
Wolf: Ja, ganz langsam. Wohin denn?, habe ich ihn gefragt. „Einfach los, geradeaus, raus aus Winnenden, fahr!“ Uns kamen viele Polizeiwagen entgegen.
Frage: Haben Sie von dem, was passiert war, irgendetwas mitbekommen?
Wolf: Nein, gar nichts.
Frage: Warum sind Sie im Wagen geblieben?
Wolf: Ich kann es nicht genau sagen. Er hat immer wieder gesagt: „Fahr zur Autobahn.“ Ich habe ihn gefragt: Warum machst du so einen Scheiß? Ganz laut hat er geantwortet: „Aus Spaß, weil es Spaß macht.“
Frage: Hatte er ein Ziel?
Wolf: Nein, er war planlos, wollte nur flüchten. Wenn seine Eltern behaupten, er habe keine psychischen Probleme gehabt, dann muss ich sagen: Das habe ich ganz anderes erlebt, der war irre.
Frage: Sie wussten zu dem Zeitpunkt, dass es tödlicher Ernst war?
Wolf: Ja, das war mir klar. Und dann kamen uns ja immer mehr Streifenwagen entgegen. Er war aggressiv, er war in einer Scheißegal-Stimmung. Ich wollte gegen irgendetwas fahren, um die Aufmerksamkeit der Polizei zu erregen.
Frage: Aber Sie haben es nicht getan?
Wolf: Nein, das war viel zu gefährlich. Ich wusste, dass er Menschen umgebracht hatte. Und hier würde er es wieder tun.
Frage: Haben Sie während der Fahrt permanent miteinander geredet?
Wolf: Nein, es gab auch Stille, er war eine Weile damit beschäftigt, die Magazine mit Patronen zu füllen.
Frage: Hatten Sie keine Angst vor dem Tod?
Wolf: Nein, komischerweise nicht.
Frage: Wie ging es weiter?
Wolf: Kurz darauf sind wir raus auf die Bundesstraße. Er bereitet sich auf die nächste Schießerei vor, das ging mir durch den Kopf. Dann fragte er mich: „Meinst du, finden wir noch eine andere Schule?“
Frage: Wohin sollte es dann gehen?
Wolf: An der Autobahnauffahrt zur A8 Richtung Stuttgart habe ich einen Streifenwagen gesehen, ich fuhr langsamer, vielleicht 60 km/h.
Frage: Und dann?
Wolf: Ich habe das Steuer nach rechts gerissen, die Tür aufgerissen und bin rausgesprungen. Das Auto ist irgendwie in den Morast gerollt. Ich bin im Zickzack weggelaufen. Ob er geschossen hat? Das weiß ich nicht, ich bin nur gelaufen und gelaufen.

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