Kleinstadt als CIA-Drehscheibe

Geheime Flugeinsätze

© (c) APA/Bundesheer

Kleinstadt als CIA-Drehscheibe

Wenn ein Krimi-Regisseur seinem Film knisternde Spannung verleihen will, lässt er hinter einer Fassade der Normalität die unfassbarsten Dinge geschehen. Insofern mag es nicht überraschen, dass einige der Fäden in dem realen Agenten-Krimi um die Entführung des in Bremen geborenen Deutsch-Libanesen Khaled el-Masri durch den US-Geheimdienst CIA ausgerechnet in einem Städtchen wie Smithfield im Bundesstaat North Carolina zusammenzulaufen scheinen. Bescheidene Backsteinfassaden säumen die Hauptstraße, ein Schinken- und Kartoffel-Festival würdigt alljährlich die Erzeugnisse der örtlichen Landwirtschaft, und ein Museum ehrt die Hollywood-Diva Ava Gardner, die aus dieser Gegend stammt.

CIA-Tarnung
Kleinstadt-Idylle als Tarnkulisse für geheime CIA-Einsätze? Glaubt man etwa den Untersuchungen im Europaparlament, könnte ausgerechnet hier die Reise jenes Flugzeugs begonnen haben, das el-Masri am 24. Jänner 2004 in der mazedonischen Hauptstadt Skopje aufnahm und heimlich in ein US-Gefangenenlager in Afghanistan transportierte. Laut europäischer Flugsicherung Eurocontrol wurde der Flug von einer Firma namens Stevens Express durchgeführt. Diese operiert nach Erkenntnis des Abgeordneten Giovanni Claudio Fava, der den Fall für das EU-Parlament untersucht hat, für die in Smithfield ansässige Airline Aero Contractors. Für Fava ist Aero Contractors nichts anderes als eine CIA-Tarnfirma.

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Geheime Flugeinsätze
Die US-Journalisten Trevor Paglen und A. C. Thompson haben sich in Smithfield auf die Suche gemacht und über ihre Befunde kürzlich das Buch "Torture Taxi" ("Folter-Taxi") veröffentlicht. Smithfield sei der "perfekte Ort für geheime Flugeinsätze, weil er klein und abgelegen ist und die Leute sich nicht darum scheren, was hier los ist", urteilen sie. In der Tat: Auf ihrer Internetseite listet die Stadtverwaltung als größte Steuerzahler ein Einkaufszentrum, ein Immobilienunternehmen und eine Fabrik für Satelliten-TV-Schüsseln auf. Kein Wort von Aero Contractors, das laut Fava immerhin 80 Angestellte hat. Gegen mindestens drei von ihnen erließ die Münchner Staatsanwaltschaft laut NDR-Magazin "Panorama" Haftbefehl wegen der Entführung von el-Masri, insgesamt gegen 13 mutmaßliche CIA-Agenten.

Air America
Eine zivile Tarnfassade hat für den US-Geheimdienst Vorteile. Während etwa Luftwaffenmaschinen spezielle Überflugrechte für den Luftraum anderer Länder brauchen, können Zivilmaschinen mit viel geringerem Aufwand um den Globus fliegen. Die CIA kann dadurch das vermeiden, was Geheimdienste generell gerne vermeiden: Aufmerksamkeit. Bereits in den 50er Jahren gründete die CIA die Tarnfirma Air America, die während des Vietnam-Kriegs für Geheimeinsätze zuständig war. Nach Recherchen des Historikers William Leary von der University of Georgia unterstützte die Airline heimlich verbündete Kämpfer in Laos, rettete Bruchpiloten aus Feindesland und führte Spionageflüge aus.

Laut Leary beschäftigte Air America bis zu 300 Piloten, von denen Dutzende beim Einsatz starben. Als unverdächtige Drehscheibe diente Thailand. Gerüchte, wonach die Airline auch in Heroin-Schmuggel verwickelt war, wurden 1990 in dem Film "Air America" mit Mel Gibson aufgegriffen. Nach dem Fall Saigons im April 1975 zum Ende des Vietnam-Kriegs löste die CIA ihre paramilitärische Tarnfirma formal auf. Die Story war damit aber nicht zu Ende: Laut Bericht von EU-Ermittler Fava gründete der frühere Air-America-Pilot Jim Rhyne 1979 eine neue Firma: Aero Contractors in Smithfield. "Alle Ressourcen stammen von der CIA, der US-Armee und anderen Teilen der Regierung", urteilt Fava.

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Standort Smithfield
Paglen und Thompson berichten unter Berufung auf einen früheren Piloten von Aero Contractors, die CIA habe Rhyne zu der Gründung veranlasst, wollte anders als bei Air America aber nicht mehr selbst die Geschäfte führen. Bedingung sei gewesen, dass er die Firma in der Nähe von Washington ansiedelt - der Drehscheibe für CIA-Einsätze. Dies hat der Standort Smithfield wohl gewährt: Washington war laut den von Fava gesammelten Eurocontrol-Daten am 16. Jänner 2004 Startpunkt der Maschine, die el-Masri eine Woche später von Skopje nach Afghanistan gebracht haben soll. Am 28. Jänner 2004 flog sie von Palma de Mallorca nach erledigter Mission aus zurück in die US-Hauptstadt.

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