Sonderthema:
Linzerin:

Haiti-Erdbeben

© Bauernebel

Linzerin: "Ich habe Glück - ich lebe"

Ein paar Stunden später – und sie wäre jetzt tot. In den Hügeln, im früheren Nobelviertel von Port-au-Prince, liegt das einstöckige Gebäude mit Blick auf die Stadt – die jetzt in Schutt und Asche liegt. Hier wohnt die Entwicklungshelferin Regina Tauschek. Aber zum Glück war sie im Büro, als die Hölle losbrach.

Jetzt sitzt sie an ihrem Schreibtisch. Eigentlich müsste sie todmüde sein – doch das Adrenalin hält sie auf Trab. Sie begrüßt mich freundlich, lässt mich nichts von dem Horror spüren, den sie in den letzten Tagen erlebt hat. Auf ihrem Computer zeigt sie mir Fotos vom Hotel Montana – hier hatte sie ein Apartment bewohnt, von dem jetzt praktisch nichts mehr da ist. Sie hatte Glück im Unglück, zum Zeitpunkt des Bebens am Dienstag um 16.53 Uhr Ortszeit nicht daheim, sondern im Büro gewesen zu sein. Das zerstörte Montana war eine soziale Drehscheibe für Port-au-Prince, erzählt die 43-jährige Linzerin, die seit drei Jahren in Haiti für die deutsche Welthungerhilfe tätig ist. Im Montana hatten viele gewohnt – Politiker, Diplomaten, Künstler und Journalisten. Und die Linzerin.

Sie will in Haiti bleiben
Regina Tauschek zeigt mir die Stiege. Hier ist sie um ihr Leben gerannt, als die Apokalypse losging. „Ich bin im Zick-Zack-Kurs die Treppe runtergestürzt“, erzählt sie (siehe rechts). „Als ich die letzten Schritte ins Freie machte, dachte ich nur noch: Ich schaffe es.“ Sie hat nichts mehr. All ihre Kleider, Dokumente, Reisepass, viel Geld, die Festplatte mit den Fotos und die kleine Sammlung von Voodoo-Kunst – alles weg. Derzeit schläft sie in dem kleinen, dunklen Konferenzzimmer im Büro. Dort hat sie eine kleine Matte am Boden und deckt sich mit einem kleinen Teppich zu. Wenn es ihr in der Nacht zu kalt wird, wechselt sie ins Auto des Chauffeurs – und es wird immer kalt.

Sie denkt nicht daran, Haiti zu verlassen. Sie wird hier noch gebraucht. „Jetzt läuft ja die Hilfe erst richtig an“, kann sie die Frage, ob sie nicht so rasch wie möglich heim will, nicht verstehen. Schuhe wird sie brauchen, im Moment trägt sie nur Socken. Eine Kollegin im Norden hat ihr versprochen, welche zu schicken. Damit ihr das Helfen noch leichter fällt.

ÖSTERREICH: Frau Tauschek, wie sind Sie derzeit auf Haiti untergebracht?

Regina Tauschek: Ich lebe in unserem Regionalbüro in Port-au-Prince. Mein früheres Apartment im Hotel Montana liegt komplett in Trümmern, ich habe alles verloren – vom Pass angefangen bis zu meinem Geld und den ganzen Kleidern. Ich habe gar nichts. Ich sitze mit den Socken meines Chefs hier, habe eine Trainingshose und ein Welthungerhilfe-T-Shirt – das ist alles, was ich habe. Aber ich habe Glück – ich lebe.

ÖSTERREICH: Wie kommen Sie an die lebensnotwendigen Dinge?

Tauschek: Geschäfte haben derzeit keine offen. Aber eine Kollegin im Norden bemüht sich um Schuhe für mich. Meine Schlapfen waren nach zwei Tagen durch, ich habe nur mehr Socken an.

ÖSTERREICH: Möchten Sie nach Österreich zurück oder bleiben Sie vor Ort, um zu helfen?

Tauschek: Bei uns läuft die Hilfe jetzt erst richtig an. Es gibt gar keine Diskussion, jetzt heimzufahren. Ich kenne das Land, die Leute, die Kultur – es wäre ein großer Verlust, würde ich jetzt heimfahren.

ÖSTERREICH: Woran mangelt es jetzt?

Tauschek: Es fehlt an allem, vor allem an Wasser. Ein Großteil der Leute lebt auf den Straßen. Sie brauchen Planen zu ihrem Schutz. Der Regen blieb uns Gott sei Dank bisher erspart, aber es kann bald soweit sein.

ÖSTERREICH: Wie organisieren Sie in dem ganzen Chaos sich persönlich Wasser und Lebensmittel?

Tauschek: Es gibt Einzelne, die noch was auf Lager haben und sich dann mit Kochtöpfen auf die Straße stellen. Mein Fahrer hat ein Netzwerk, um Lebensmittel zu organisieren. Er bringt mir einmal am Tag Essen. Er ist um 16 Uhr los und hat dann eine Stunde gebraucht, um uns Brot und Bananen zu besorgen, die wir uns dann zu zehnt geteilt haben. Es ist ihm gestern auch gelungen, uns Wasservorrat für die nächsten Tage zu kaufen.

ÖSTERREICH: Woran haben Sie gedacht, als das Erdbeben losging?

Tauschek: Ich habe eigentlich nur an mein eigenes Leben gedacht – einfach raus! Es war so heftig, ich hatte überhaupt keine Zeit zu denken. Meine Kollegin Vivianne war noch hier und hat sich in einen Türstock verkeilt, um nicht umzufallen. Ich bin dann sofort in den Garten, da haben die Bäume gewackelt. Als ich die letzten Schritte gelaufen bin, habe ich nur gedacht: Ich schaffe das. Ich habe mich dann an den Sicherheitsmann geklammert und geglaubt, das Haus stürzt ein. Doch dann habe ich gemerkt, dass es ein Betonbunker ist.

ÖSTERREICH: Hatten Sie in dieser Minute Todesangst?

Tauschek: Nein, das geht alles zu schnell. Ich weiß gar nicht mehr, wie ich die Stufen hinunter bin, ich bin im Zick-Zack-Kurs hinuntergeflogen.

ÖSTERREICH: Wie gehen Sie mit dem Schock und dem derzeitigen Leid um?

Tauschek: Tagsüber ist es so, dass ich gar keine Zeit habe, nachzudenken, wie schlecht die Situation ist. In der Nacht ist es schlimmer, da kann ich nicht schlafen. Ich habe zu wenig zum Anziehen und friere die ganze Nacht, das zehrt dann an der Energie.

ÖSTERREICH: Sind Sie optimistisch, dass es in den nächsten Tagen dank internationaler Hilfe vorangeht?

Tauschek: Um mein persönliches Leben mache ich mir keine Gedanken. Ich habe die Hoffnung, dass es für die Mehrheit der Haitianer wieder bergauf geht und wieder einmal Licht am Ende des Tunnels kommt. Bekanntlich stirbt die Hoffnung zuletzt und ich habe noch Hoffnung. Man darf aber nicht vergessen, dass es schon vor dem Erdbeben keine funktionierende Struktur gab – darum waren ja auch die UNO und Hilfsorganisationen da. Seit dem Erdbeben ist alles schlimmer. Im Frühjahr haben wir noch mit Leuten gearbeitet, um etwas voranzubringen. Jetzt ist alles zerstört.

ÖSTERREICH: Haben Sie Freunde verloren?

Tauschek: Ich habe kein Bild, wie viele Freunde ich verloren habe. Ich kann sie telefonisch nicht erreichen, viele haben keinen Internetzugang. Ich weiß wirklich nicht, wer wo überhaupt am Leben ist.

ÖSTERREICH: Wie reagieren die Menschen auf die Katastrophe mit so vielen Toten?

Tauschek: Ein potenzielles Risiko ist: Die Leute haben hier alle nichts zu essen. Die Anspannung, auch die Aggression, steigt, Plünderungen sind ebenfalls schon im Gange. Freunde von mir, die auch Häuser verloren haben, schlafen auf den Straßen und auf den Trümmern, um einfach zu versuchen, das Letzte zu retten, was ihnen noch gehört.

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