Menschen fliehen aufs Land

Hoffnung auf Nahrung

Menschen fliehen aufs Land

Zu Tausenden flüchten sich Erdbebenopfer in Haiti aufs Land. Mit überfüllten Bussen und Lastwagen versuchen sie, Hunger und Chaos in der Hauptstadt zu entkommen und draußen Zuflucht und etwas zu essen zu finden. Doch Treibstoff ist in Port-au-Prince so knapp wie Nahrung, und der Fahrpreis ist drastisch gestiegen. Manchen kostet die Fahrkarte drei Tageslöhne.

Nackte Angst
"Tausende und Abertausende fahren weg. So einen Ansturm hab ich noch nie erlebt, nicht einmal über Weihnachten", sagt der Fahrer Garette Saint-Julien. Im Vorort Portail Leogane, wo die Busse auf die Südhalbinsel abgehen, versucht er am Montag den Andrang auf seinen bunt bemalten, "Saint Yves" getauften Bus zu bewältigen. Die meisten Fahrgäste wollen zu Verwandten, die kleine Landwirtschaften betreiben. Sie treibt die nackte Angst zu verhungern, denn eine Woche nach dem verheerenden Beben ist von den Hilfslieferungen aus dem Ausland erst bei den Wenigsten etwas angekommen.

"Wir haben nichts mehr zu essen und kein Dach mehr über dem Kopf. Wegzugehen ist die einzige Möglichkeit", sagt Livena Livel. Die 22-jährige Kleinhändlerin trägt ihre ein Jahr alte Tochter Othmeline auf dem Arm. Livel will zu ihrem Vater in Las Cayes, vier Fahrstunden südlich von Port-au-Prince. "Dort können wir wenigstens Nahrung anbauen."

Fahrpreis verdoppelt
Sie und die sechs Verwandten, die sich mit ihr auf den Weg machen, haben ihr letztes Geld zusammengekratzt für den Fahrpreis. "Es ist wahnsinnig teuer geworden", ruft sie über das Stimmengewirr der drängelnden Menge. Die einfache Fahrt kostet sie jetzt mit umgerechnet 5,40 Euro doppelt so viel wie vorher. Die meisten Haitianer verdienen so viel in drei Tagen nicht. Busfahrer Saint-Julien sagt, er könne nicht anders, als den Preis anzuheben. "Es ist nicht meine Schuld! Kraftstoff ist doppelt so teuer geworden", erklärt er. Für eine Tankfüllung muss er jetzt umgerechnet 35 Euro hinlegen.

Furcht vor Seuchen
Fahrgäste, die in dem vollgestopften Gefährt einen Platz gefunden haben, berichten, sie hätten fünf Stunden auf den Bus gewartet. "Ich kann mit meinen Kindern nicht weiter im Freien schlafen", erklärt Rose-Marie Dedieu ihren Aufbruch. Die 20-Jährige hält das jüngste ihrer drei Kinder im Arm, ein Neugeborenes. Wann das Baby zur Welt kam, weiß sie nicht mehr so genau. "Aber es war einen oder zwei Tage vor dem Erdbeben" am Dienstag voriger Woche.

Die meisten Stadtflüchtlinge sagen, sie wollten später einmal zurück nach Port-au-Prince. Manche schicken auch nur ihre Kinder aufs Land und bleiben selbst zurück, um eine Bleibe zu finden und irgendwie wieder eine Lebensgrundlage zu schaffen. Aus Furcht vor Seuchen und Gewalt hat der Zahnarzt Charlemagne Ulrick seine drei Kinder im Alter von vier bis elf Jahren auf einen Lastwagen voller Menschen gesetzt, der sie eine Tagesreise weit nach Mole Saint Nicolas an der Spitze der Nordhalbinsel bringen soll, "Sie müssen fort und sich in Sicherheit bringen", sagt der Vater. "Ich weiß nicht, wann sie zurückkommen."

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