Plünderer gehen aufeinander los

Tausende fliehen

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Plünderer gehen aufeinander los

Vier Tage nach dem schweren Erdbeben in Haiti hat ein starkes Nachbeben am Samstag die zerstörte Hauptstadt Port-au-Prince erschüttert. Dort kam es auch zu ersten größeren Zusammenstößen von Plünderern, berichtete ein Fotograf der Nachrichtenagentur Reuters. US-Präsident Barack Obama rief zusammen mit seinen beiden Amtsvorgängern George W. Bush und Bill Clinton die amerikanische Bevölkerung zu Spenden für die Erdbebenopfer auf. US-Außenministerin Hillary Clinton traf in Haiti ein.

Die neuen Erdstöße in zehn Kilometer Tiefe hätten eine Stärke von 4,5 erreicht, erklärte das US-Institut für Geologie. Zahlreiche Menschen liefen in Panik aus den Häusern. Die Rettungsarbeiten für die Opfer der Erdbebenopfer mussten kurzzeitig unterbrochen werden. Seit dem Hauptbeben am Dienstag mit der Stärke von 7,0 hatten zuvor schon rund 30 Nachbeben die Einwohner des Karibik-Staates immer wieder in neue Panik versetzt.

Bis zu 200.000 Tote
Seit dem Hauptbeben häufen sich die Leichen auf den Straßen von Port-au-Prince, wo Temperaturen um die 30 Grad herrschen. Überall hängt Verwesungsgeruch. Nach Angaben von Regierungschef Jean-Max Bellerive vom Freitag wurden bisher 15.000 Tote geborgen. Die meisten werden in Massengräbern beerdigt. Nach Schätzungen des Roten Kreuzes kamen rund 50.000 Menschen um. Die haitianische Regierung geht sogar von mindestens 100.000 und bis zu 200.000 aus.

Der Reuters-Fotograf Carlos Barria berichtete von einem Mob von etwa 1.000 Menschen. Die Männer kämpften um Alltagsgegenstände wie T-Shirts und Spielzeug, die verstreut in den Trümmern der zerstörten Geschäfte lägen. Die Plünderer gingen dabei auch mit Steinen, Messern und Spitzhacken aufeinander los. "Da herrscht jetzt Anarchie, das totale Chaos. Die Polizei ist längst weg", sagte Barria. Auch aus anderen Teilen der Hauptstadt berichteten Augenzeugen von ähnlich gewaltsamen Plünderungen.

Barrikade aus Reifen
Wegen der Gewaltausbrüche und der schlechten Versorgungslage ergriffen tausende Einwohner der Hauptstadt die Flucht. Auf den Hauptstraßen bildete sich ein Exodus von Hungernden und Verletzten. Ein AFP-Reporter berichtete von einer Barrikade aus Reifen, Trümmern und Leichen, die rund 30 Einwohner von Port-au-Prince aus Protest gegen die langsamen Aufräumarbeiten anzündeten und die eine schnelle Entfernung der unzähligen Todesopfer des Erdbebens forderten.

"In diesen schwierigen Stunden steht Amerika vereint. Wir stehen vereint mit dem Volk von Haiti", sagte US-Präsident Obama am Samstag in Washington auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Bush und Clinton. Seine beiden Amtsvorgänger würden das Einsammeln privater Spenden koordinieren. Dafür sei eine neue Stiftung mit dem Namen "Clinton Bush Haiti Fund" ins Leben gerufen worden. "Unsere Herzen sind gebrochen", sagte Bush zu dem Elend. Nun komme es darauf an, dass die Menschen Hilfsbereitschaft zeigten. Clinton, der UNO-Sonderbotschaft für Haiti ist, betonte die längerfristigen Aufbauarbeiten in dem Land. Seine Frau will in Haiti mit Präsident Rene Preval sprechen und sich ein Bild von der Lage nach dem Erdbeben machen.

Mehr Machtbefugnisse für USA
US-Außenministerin Hillary Clinton ist am Samstag in Haiti eingetroffen, um sich persönlich ein Bild von der Lage im Erdbebengebiet zu machen. Während ihres Besuchs wollte Clinton auch den haitianischen Präsidenten Rene Preval treffen und mit ihm die weiteren Hilfsmaßnahmen erörtern - etwa dem sich abzeichnenden Treibstoffmangel sowie anderen logistischen Problemen. Bereits auf ihrem Hinflug schloss Clinton nicht aus, dass die haitianische Regierung angesichts des Notstands die USA mit weiteren Machtbefugnissen ausstatten könnte. Dafür sei allerdings die Zustimmung des haitianischen Parlaments wichtig. Als Beispiel nannte Clinton die Möglichkeit, dass US-Soldaten eine nächtliche Ausgangssperre verhängen und überwachen könnten.

Zur Beschleunigung der Hilfslieferungen nach Haiti hatten US-Truppen bereits zuvor vorübergehend das Kommando über den Flughafen von Port-au-Prince übernommen und begannen mit der Verteilung der Hilfsgüter. Der Airport ist die logistische Engstelle, denn durch das Erdbeben sind auch der Tower und die Anlagen zur Flugsicherung beschädigt worden. In der Hauptstadt Port-au-Prince berichteten Augenzeugen unterdessen vermehrt von Zusammenstößen zwischen Plünderern. Örtliche Sicherheitskräfte waren kaum in den Straßen zu sehen.

Wettlauf mit der Zeit
Die US-Außenministerin Kritik zurück, wonach sich Hilfsgüter am Flughafen von Port-au-Prince stapelten und aufgrund logistischer Engpässe nicht zu den Menschen gelangten. Die Vorwürfe seien "nicht fair", sagte Clinton. Der Direktor der US-Entwicklungsbehörde, Rajiv Shah, sagte auf dem Flug, das Welternährungsprogramm (WFP) habe an 14 Punkten in Port-au-Prince mit der Einrichtung von Verteilungszentren für Nahrung und Trinkwasser begonnen. Diese Anstrengungen sollten noch ausgeweitet werden.

In einem Wettlauf gegen die Zeit operieren Mediziner der von Franzosen gegründeten Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen" pausenlos Verletzte im Katastrophengebiet. Erfahrene Mitarbeiter betonten, sie hätten noch nie so viele schwere Verletzungen auf einmal gesehen. Größtes Problem bleibe der Engpass am Flughafen Port-au-Prince. Viele Frachtflugzeuge mussten umkehren. Der Mangel an Landegenehmigungen habe dazu geführt, dass das Frachtflugzeug mit dem aufblasbaren Krankenhaus der Organisation bereits 24 Stunden Verspätung gegenüber dem ursprünglichen Zeitplan habe. Frankreich zeigte sich im Zusammenhang mit dem Feldspital verärgert über die Art und Weise, wie die USA die Kontrolle über den Flughafen von Haiti übernommen haben.

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