27. Jänner 2010 07:42
Wie durch ein Wunder ist ein Mann in Haiti nach zwölf Tage aus den Trümmern
eines Hauses gerettet worden. Nach Mitteilung des US-Militärs wurde der
31-jährige Mann am Dienstag (Ortszeit) eher zufällig bei Aufräumarbeiten
entdeckt. Der Mann war nicht bei dem ersten schweren Erdstoß der Stärke 7,0
am 12. Jänner verschüttet worden. Zuerst hatte es so ausgesehen, als ob
Ricot Duprevil bereits zwei Wochen lang in dem Schutt gelegen hatte.
Beinbruch und Austrocknung
Die US-Soldaten seien damit
beschäftigt gewesen, Trümmer beiseite zu räumen, als sie den Mann
entdeckten. Er habe ein gebrochenes Bein und leide an Austrocknung. Duprevil
werde von US-Medizinern behandelt.
Mindestens 150.000 Tote
Bereits vergangenen Samstag war elf Tage
nach dem Beben noch der junge Wismond
Exantus aus den Trümmern eines zusammengestürzten Gebäudes gerettet
worden. Zuvor hatte er mit Klopfzeichen auf sich aufmerksam gemacht. Auch er
hatte unter der Ruine nur so lange überleben können, weil er in einem
Hohlraum eingeschlossen war und Getränke und Essen fand. Bei dem Beben kamen
nach Schätzungen der haitianischen Regierung etwa 150.000 Menschen ums
Leben. Die Zahl der Toten dürfte jedoch noch steigen.
Riesige Impfkampagne
UNICEF plant unterdessen zusammen mit der
Regierung von Haiti eine riesige Impfkampagne. Ziel sei es, 600.000 Kinder
im Alter von bis zu fünf Jahren gegen Masern, Tetanus und Diphtherie zu
immunisieren, teilte das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen mit. Die
Verteilung von Wasser und Essen an vom Erdbeben betroffene Familien laufe
unterdessen weiter auf Hochtouren.
Haitianische Polizisten versuchten am Dienstag mit Warnschüssen, die
Plünderung von Lebensmittellastwagen zu verhindern. Ein Konvoi von drei mit
Reis beladenen Kleinlastern fuhr in der Hauptstadt Port-au-Prince an einem
der Obdachlosen-Camps vorbei, als plötzlich Hunderte junger Männer und
Frauen auf die von Polizisten bewachten Lastwagen zustürmten, und begannen,
Reissäcke von den Ladeflächen zu zerren. Sie ließen sich von den zahlreichen
Schüssen nicht beeindrucken. Verletzt wurde niemand. "Unser
größtes Problem bei der Verteilung von Lebensmitteln ist, dass wir nicht
genügend Sicherheitskräfte haben", sagte der Sprecher der
UN-Mission auf Haiti, MINUSTAH, der brasilianische Oberstleutnant Fernando
Pereyra.
In Port-au-Prince gibt es derzeit über 300 wilde Camps von Obdachlosen auf
Straßen, freien Flächen und in Parks. Insgesamt sollen so 500.000 Menschen
leben. Die UN wollen rund Hunderttausend von ihnen außerhalb der Hauptstadt
in zehn großen Camps unterbringen. Wie die Sprecherin der UN-Mission für
Migration, Njurka Pineiro, sagte, haben die Arbeiten an einem der Standorte
im Osten bereits begonnen. Beobachter vor Ort gehen davon aus, dass die
Mehrzahl der Menschen die Stadt nicht verlassen wird, sondern es vorzieht,
dauerhaft in den provisorischen Lagern zu bleiben.
Das Welternährungsprogramm (WFP) der Vereinten Nationen mahnte mehr Hilfe
an. Die Menschen des bitterarmen Karibikstaates müssten viel länger versorgt
werden als angenommen. "Ursprünglich hatten wir mit zwei Millionen
Menschen gerechnet, die wir sechs Monate versorgen müssen", sagte
WFP-Chefin Josette Sheeran in New York. "Jetzt gehen wir von mindestens
zwölf Monaten aus."
Brasiliens Präsident Luiz Inacio Lula da Silva kündigte an, sein Land werde
den Wiederaufbau in Haiti mit zusätzlich 375,95 Millionen Reales (rund 150
Millionen Euro) unterstützen. Lula appellierte an die Weltöffentlichkeit,
mit der Hilfe für das haitianische Volk nicht zu warten, sondern jetzt tätig
zu werden. Die Brasilianer hatten zuvor die Verdopplung ihres
Blauhelm-Kontingents für Haiti bekannt gegeben. Bisher waren 1266
brasilianische Militärs unter UN-Mandat in dem Karibikstaat stationiert.