100.000 Menschen beim Trauermarsch

Istanbul

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100.000 Menschen beim Trauermarsch

Rund 100.000 Menschen haben am Dienstag in Istanbul am Trauermarsch für den ermordeten türkisch-armenischen Journalisten Hrant Dink teilgenommen. Der Leichenwagen mit dem Sarg Dinks setzte sich vom Redaktionsgebäude von Dinks Zeitung "Agos", vor dem der 52-jährige am vergangenen Freitag erschossen worden war, unter dem Applaus der Trauergäste in Bewegung in Richtung der etwa acht Kilometer entfernten armenischen Marienkirche im Stadtteil Kumkapi. Aus einem Fenster der Redaktion hing ein großes Foto des Ermordeten.

"Wir sind alle Hrant Dink"
Angeführt von Dinks Witwe Rakel zog die Menge schweigend durch die Innenstadt Istanbuls. Viele warfen Blumen auf den mit roten Nelken geschmückten Leichenwagen; sie trugen Schilder mit der Aufschrift "Wir sind alle Hrant Dink" und "Wir sind alle Armenier". Aus Protest gegen den umstrittenen "Türkentum"-Paragrafen 301, wonach in der Türkei Journalisten und Schriftsteller angeklagt worden sind, wurden auch Tafeln mit der Aufschrift "Mörder 301" gezeigt. Wegen seiner Äußerungen zum Massenmord an den Armeniern im Ersten Weltkrieg war Dink wegen "Beleidigung des Türkentums" verurteilt und von türkischen Nationalisten bedroht worden. In ähnlichem Zusammenhang stand der Literatur-Nobelpreisträger Orhan Pamuk vor Gericht; der Prozess gegen ihn wurde eingestellt.

Die einzige Ansprache bei der Trauerfeier in Istanbul hielt Dinks Witwe Rakel. "Er kannte keine Tabus, dafür hat er einen hohen Preis gezahlt", sagte sie. "Wir verabschieden uns von unserem Bruder mit einem stillen Marsch, ohne Schlachtrufe und ohne danach zu fragen, wie ein kleines Kind zum Mörder werden konnte." Nach ihrer Rede ließen Rakel Dink und die Töchter des Ermordeten weiße Tauben in den Himmel steigen. Dink hatte in seinem letzten Beitrag für "Agos" im Hinblick auf Anfeindungen und Drohungen aus dem rechtsradikalen Lager geschrieben, er fühle sich verletzlich wie eine Taube.

Innenstadt gesperrt
Die Istanbuler Polizei bot 6000 Beamte auf, um den Trauerzug zu sichern. Weite Teile der Innenstadt von Istanbul waren für den Autoverkehr gesperrt. Nach einem Gottesdienst soll Dink am Nachmittag auf einem armenischen Friedhof beigesetzt werden. An der Trauerfeier nahmen als Vertreter der türkischen Regierung Vize-Ministerpräsident Mehmet Ali Sahin und Innenminister Abdülkadir Aksu teil. Regierungschef Recep Tayyip Erdogan, der am Vormittag mit seinem italienischen Amtskollegen Romano Prodi einen Straßentunnel der Autobahn Istanbul-Ankara eröffnete, war nicht erschienen. Er hatte den Mord zuvor als Angriff auf Frieden und Stabilität des Landes verurteilt.

Dink war am Freitag von dem arbeitslosen Teenager auf offener Straße erschossen worden. Ogün S. (Samast) begründete die Tat damit, dass Dink die Türkei beleidigt habe. Die türkische Polizei hatte offenbar einen weiteren mutmaßlichen Hintermann des Mordes an Dink festgenommen. Der Student Erhan T. sei in der Schwarzmeer-Stadt Trabzon festgenommen und zum Verhör nach Istanbul gebracht worden, berichteten mehrere türkische Zeitungen am Dienstag. Eine offizielle Bestätigung lag zunächst nicht vor.

Die Zeitung "Sabah" zitierte einen namentlich nicht genannten hochrangigen Behördenvertreter, es bestehe der Verdacht, dass die wahren Hintermänner des Mordes den jugendlichen Todesschützen als Bauernopfer betrachteten und ihn als Einzeltäter erscheinen lassen wollten, um weitergehende Ermittlungen zu verhindern. "Sie wollten, dass wir ihn festnehmen", sagte der hohe Beamte demnach.

Mahnwache auch in Wien
Die Armenische Gemeinde in Österreich reagierte "mit Bestürzung und Entsetzen" auf die "heimtückische Ermordung" Dinks. Im armenischen Gemeindezentrum in Wien liegt ein Kondolenzbuch auf. Die Armenische Studentenvereinigung plant eine Mahnwache. Am kommenden Sonntag findet in der Armenisch- Apostolischen Kirche eine Messe mit anschließender Trauerfeier statt.

Wadi, der Verband für Krisenhilfe und solidarische Entwicklungszusammenarbeit, will laut einer Aussendung am Dienstagabend eine Gedenkveranstaltung in Wien abhalten. Die Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen verurteilte "den feigen Mord" an dem armenischen Publizisten "aufs Schärfste". Nichts könne dieses Verbrechen rechtfertigen, hieß es in einer Aussendung. "Meinungsfreiheit ist ein unschätzbares Gut und diese gilt es insbesondere bei sensiblen Themen zu verteidigen. Rassismus und starrer Nationalismus können nur zu Tragödien führen."

Das Massaker an Armeniern ist in der Türkei ein politisch hoch sensibles Thema. Dem Vorläufer der heutigen Türkei, dem Osmanischen Reich, wird systematischer Völkermord an 1,5 Millionen Armeniern zwischen 1915 und 1923 vorgeworfen. Die Türkei bestreitet, dass es sich bei den Tötungen um Völkermord handelte. Allerdings haben mehrere ausländische Parlamente Gesetze verabschiedet, in der die Vorfälle klar als Völkermord definiert werden - sehr zum Ärger der Regierung in Ankara.

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