04. Oktober 2009 15:24
Dem tschechischen Staatspräsidenten Vaclav Klaus wird sich sein Wunsch
erfüllen: Er wird doch der "letzte in Europa" sein, der sich zu dem
EU-Reformvertrag äußert. Nachdem die Iren in der neuerlichen Volksabstimmung
ein klares Ja zum Lissabon-Vertrag ausgesprochen haben, will der polnische
Staatschef Lech Kaczynski das Dokument in den nächsten Tagen unterschreiben.
Dann wird es nur ein einziges Hindernis geben, das dem Inkrafttreten des
Lissabon-Vertrages noch im Wege steht: die ausstehende Unterschrift des
EU-kritischen Herrschers auf der Prager Burg, Klaus.
Wird er unterzeichnen oder nicht? Und wenn ja, wann? Das ist vielleicht die
häufigste Frage, die man sich jetzt nicht nur in der Metropole an der
Moldau, sondern auch in den Hauptstädten der gesamten EU, stellt. Die
Tschechen spüren bereits die Augen der anderen EU-Länder auf sich. "Ganz
Europa beobachtet nun die Tschechische Republik", erklärte der Chef der
Sozialdemokraten (CSSD) und frühere Premier Jiri Paroubek. "Jetzt ist der
Schwarze Peter bei uns", fügte der Vorsitzende der christdemokratischen
Volkspartei (KDU-CSL) und ehemalige Außenminister Cyril Svoboda hinzu.
Enttäuscht von Irlands Ja
Klaus reagierte auf den Ausgang
der irischen Volksabstimmung wie erwartet - enttäuscht. Dass die
Volksabstimmung wiederholt worden sei, sei "schlecht" gewesen. Von Anfang an
hatte er sowohl die gescheiterte EU-Verfassung als auch später den
Lissabon-Vertrag kritisiert. Der europäischen Integration warf er ein
"Demokratie-Defizit" vor und zog sogar Parallelen zum Kommunismus. Und dass
die EU-Flagge auf der Prager Burg in seiner Amtszeit wehen könnte, kam für
ihn nie in Frage.
Unter Druck ist Klaus nun auch in seinem eigenen Land. Bis auf die
Kommunisten (KSCM) und einen Teil der konservativen Demokratischen
Bürgerpartei (ODS), die kürzlich eine neue Beschwerde gegen den
Lissabon-Vertrag beim Verfassungsgerichtshof in Brünn einreichte, sprechen
sich alle Parteien für ein baldiges Inkrafttreten des Dokuments aus. Klaus
lässt sich aber nicht davon beeindrucken. Er will das Verdikt der
Verfassungsrichter abwarten. Dessen Termin kennt zunächst niemand, selbst
die Richter nicht, auch wenn sie den Prüfantrag "vorrangig" behandeln wollen.
Nach dem Urteil dürfte Klaus endgültig gezwungen sein, sich klar zu äußern.
Tatsache bleibt, dass er bisher sorgfältig darauf achtete, seine
Unterschrift nicht unter ein derartiges Dokument setzen zu müssen. Obwohl er
nicht selten mit der Regierung um außenpolitische Kompetenzen streitet,
schickte er 2004 den damaligen Regierungschef Stanislav Gross nach Rom zur
Unterzeichnung der EU-Verfassung. Und 2007 überließ er es Premier Mirek
Topolanek und dem damaligen Außenminister Karl Schwarzenberg, den
EU-Reformvertrag in Lissabon im Namen der Tschechischen Republik zu
signieren.
Viele in Prag können sich nicht vorstellen, dass Klaus seine Unterschrift
unter den EU-Reformvertrag setzt. Genau so will man nicht glauben, dass er
es sich leisten kann, das Dokument gegen den Willen der gesamten EU nur an
sich selbst scheitern zu lassen. Ein Ausweg bietet sich an: Beispielsweise
meinte der Vorgänger von Klaus, Vaclav Havel, dass der EU-Reformvertrag
eventuell auch ohne die Unterschrift des Präsidenten in Kraft treten könnte,
weil diese "nur eine Formalität" sei.
Tschechien kennt schon einen Präzedenzfall. 2004 gefiel Klaus ein Gesetz
nicht, woraufhin er es nicht signierte, gleichzeitig legte er aber kein Veto
dagegen ein. Damit wurde das Dokument automatisch als angenommen betrachtet.
Es handelte sich um das Gesetz, mit dem der einstige tschechoslowakische
Staatspräsident Edvard Benes symbolisch geehrt wurde. Klaus störte dabei gar
nicht der Inhalt des Textes, der aus einem einzigen Satz besteht: "Edvard
Benes hat sich um den Staat verdient gemacht." Klaus betrachtete nur eine so
"untypische und merkwürdige" Norm als überflüssig.