Frankreich: Staatsbahn rollt NS-Zeit auf

"Tiefes Bedauern"

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Frankreich: Staatsbahn rollt NS-Zeit auf

Die französische Staatsbahn SNCF hat sich erstmals für ihre Beteiligung an der Judendeportation während der nazideutschen Besatzung in Frankreich entschuldigt. Wie der Pariser Radiosender RTL am Freitag berichtete, überreichte SNCF-Geschäftsführer Guillaume Pepy Politikern und jüdischen Organisationen in Florida eine offizielle Erklärung, in der dem "tiefer Kummer" und dem "Bedauern" über die Taten der SNCF Ausdruck verliehen wird, "die unter dem Zwang der Dienstverpflichtung stattfanden".

Staatsbahn beugt sich Druck der USA

Die SNCF beugte sich damit dem Druck der Vereinigten Staaten, die der französischen Staatsbahn damit drohten, den Zugang zu Wettbewerben für die Errichtung von Bahnlinien in Florida und Kalifornien zu verweigern. Die Reise Pepys nach Florida erfolgte zu dem Zeitpunkt, als die Projekte für die Bahnlinie Tampa-Orlando in Florida vorgestellt wurden, die bis 2014 errichtet werden soll.

Bahnbeamte von Nazi-Besetzern "unterjocht"

Die französische Staatsbahn hatte bisher betont, dass die Bahnbeamten von den Nazi-Besetzern "unterjocht" wurden und sich "unter Todesdrohungen" an den Deportationen beteiligen mussten. Während des Zweiten Weltkriegs transportierte die SNCF etwa 76.000 Juden in die Konzentrationslager der Nazis.

Gedenkstätte geplant

Nunmehr beabsichtigt die SNCF laut Radiobericht die Errichtung eine Gedenkstätte am Bahnhof von Bobigny bei Paris, von wo aus zahlreiche Transporte mit den Insassen des berüchtigten Sammellagers von Drancy in Richtung Auschwitz starteten.

Exilösterreicher bemühte sich vergeblich um Schadenersatz

Auch der Exilösterreicher Kurt Werner Schächter bemühte sich jahrelang vergeblich um einen Schadenersatz. Dieser wurde von der SNCF wegen Verjährung abgelehnt. Verbrechen gegen die Menschlichkeit verjähren laut französischen Recht zwar nicht, das Anrecht auf Schadenersatz verfällt dagegen nach 30 Jahren. Schächters Familie war wegen der nationalsozialistischen Judenverfolgung aus Österreich nach Paris geflohen. 1943 und 1944 wurden seine Eltern in die NS-Vernichtungslager Auschwitz und Sobibor deportiert und ermordet.

85.500 Menschen deportiert
Zwischen Anfang 1941 und Ende August 1944 waren unter dem Vichy-Regime von Marschall Philippe Pétain insgesamt 85.500 Männer, Frauen und Kinder von Frankreich aus in Nazi-Vernichtungslager transportiert worden. Juristen gehen davon aus, dass die französische Staatsbahn nicht von der deutschen Besatzungsmacht beschlagnahmt worden war, sondern aktiv an den Deportationen mitgewirkt hat. Die SNCF verlangte vom französischen Verkehrsministerium für jeden transportierten Juden einen Fahrpreis.

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