Geständnisse-Reigen im Sauerland-Prozess

Terror in D

© EPA

Geständnisse-Reigen im Sauerland-Prozess

Umfassendes Geständnis im sogenannten "Sauerland"-Prozess in Deutschland: Der Hauptangeklagte Fritz Gelowicz hat die Anschlagsplanungen der Gruppe detailliert geschildert und seine eigene Führungsrolle eingeräumt. "Ich wurde zum Anführer der Operation bestimmt", sagte er am Montag vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf. Auch die Existenz der Islamischen Jihad Union (IJU) bestätigte der 29-Jährige entgegen der früheren Verteidigungstaktik. Als Hauptziel sollte die Sauerland-Gruppe nach dem Willen der IJU amerikanische Soldaten in Deutschland ins Visier nehmen: "Das war eine ganz klare Vorgabe."

Amerikaner im Visier
Zudem habe man amerikanische und usbekische Ziele von politischer Bedeutung als Ziele ins Auge gefasst, sagte Gelowicz. Auch ein "allerletztes Warnsignal an die deutsche Bevölkerung" sollte mit den Anschlägen gesendet werden, so der zum Islam konvertierte Deutsche. Die IJU habe die Befehlsgewalt bei den Plänen beansprucht - der Name der Gruppe sei ihm aber nicht wichtig gewesen: "Die Leute kommen nicht, um sich einer Gruppe anzuschließen, sondern um Dschihad zu machen."

Gelowicz und sein Mitangeklagter Adem Yilmaz entschlossen sich der Aussage zufolge während ihrer Terror-Ausbildung bei der Organisation in Pakistan 2006 zu den Anschlägen. "Ich war ziemlich schnell von der Idee überzeugt", sagte Gelowicz. Zwar seien sie ursprünglich ins pakistanisch-afghanische Grenzgebiet gereist, um sich in der Region am Jihad zu beteiligen: Doch sei es dort weit schwieriger, einen Anschlag zu begehen, bei dem Amerikaner zu Schaden kämen. "Dahinter stecken viel Aufwand und Opfer auf der eigenen Seite", sagte Gelowicz.

Daher sei ihnen von einem Anführer der Ausbilder, einem gewissen Achmed, die Rückkehr nach Europa nahegelegt worden: "Mit weniger Aufwand könnten wir einen viel größeren Schaden erreichen." Man habe ihn nicht überreden müssen, betonte Gelowicz: "Er hat mich keiner Gehirnwäsche unterzogen." Zudem habe es niemanden sonst gegeben, der einen solchen Anschlag habe begehen können.

Rädelsführer am Zeugentisch
Der mutmaßliche Rädelsführer saß bei seiner Aussage im Hochsicherheitstrakt nicht wie sonst hinter Sicherheitsglas, sondern am Zeugentisch mitten im Saal. Er erläuterte - ohne Nachfragen des Gerichts - zahlreiche Hintergründe. Die Namen der Personen und Helfer, die er kenne, seien aber wohl kaum die richtigen: "Im Jihad sagt niemand seinen richtigen Namen", betonte er. Auch überflüssige Fragen würden dort weder gestellt noch beantwortet: "Fragen machen alle nur misstrauisch."

Gelowicz schilderte, wie er und Yilmaz mit einem Weggefährten über die Türkei in den Iran gereist waren, sich nach Pakistan schleusen ließen und nach einer mehrtägigen Reise mit Bussen und Autos schließlich in dem Terror-Lager ankamen. Dort lernten sie alles Nötige für den bewaffneten Kampf: "Alles in allem dauerte die Ausbildung drei Monate." Dazu gehörten Waffenunterricht, Sicherheitsunterricht für eine sichere Kommunikation und Tarnung, Sprengstoff- und Elektronikunterricht.

Kritik am Verfassungsschutz
Bei der Schilderung der Anschlagsvorbereitungen in Deutschland erlaubte sich Gelowicz einen Seitenhieb gegen den Verfassungsschutz. Der Angeklagte Atilla Selek habe bemerkt, dass er observiert werde: "Die Observation war so auffällig, dass man das nicht übersehen konnte." Auch er selbst habe entdeckt, dass er beobachtet wurde, und darauf Selek beauftragt, einem der Autos den Reifen zu zerstechen. Der Verfassungsschutz sei darauf mit seinen rund zehn Fahrzeugen abgezogen.

Im Jänner hatte ein Sondereinsatzkommando seine Wohnung gestürmt, aber nichts gefunden, berichtete Gelowicz. Nach seiner kurzzeitigen Festnahme sei er vorsichtig geworden - habe dann aber beschlossen weiterzumachen: "Ich hatte einen Eid geleistet, dass ich die Operation durchführe", sagte er. "Und der Grundstein war ja schon gelegt."

"Noch nie erlebt"
Der Vorsitzende Richter Ottmar Breidling hatte am Morgen bereits den Umfang der Geständnisse aller vier Angeklagten gelobt: "So etwas habe ich in meiner richterlichen Zeit noch nicht erlebt." Man habe den Eindruck, "dass die Karten ungezinkt auf den Tisch gelegt worden sind". Er betonte, dass sich solche Geständnisse auch auf das Strafmaß auswirken werden.

Die Angeklagten hatten im Juni überraschend Geständnisse angekündigt und wurden seitdem in ihren Haftanstalten von BKA-Beamten vernommen. Die Männer sollen eine deutsche Zelle der Islamischen Jihad-Union (IJU) gegründet und Anschläge mit Autobomben in Deutschland geplant haben. Die Anklage gegen sie lautet unter anderem auf Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung und Vorbereitung eines Sprengstoffanschlags.

Die Gruppe war im September 2007 aufgeflogen. Bei ihnen waren 730 Liter Wasserstoffperoxid sichergestellt worden, der nach Überzeugung der Ermittler der Grundstoff für verheerende Autobomben sein sollte. Drei der vier Angeklagten waren in Oberschledorn im Sauerland (Nordrhein-Westfalen) von der Polizei-Eliteeinheit GSG 9 festgenommen worden. Sie hatten dort laut Anklage in einem Ferienhaus begonnen, die Autobomben zu bauen.

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