Inflation und Diskriminierung hinter Unruhen

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Inflation und Diskriminierung hinter Unruhen

Mit einer massiven Militärpräsenz in Lhasa versucht China, die Tibeter einzuschüchtern und nach den schweren Unruhen in der tibetischen Hauptstadt für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Paramilitärische Truppen patrouillieren jede Straße, jede Kreuzung, jede Gasse. "Es ist ein gewaltiger Aufmarsch", gab am Dienstag der deutsche Korrespondent Georg Blume aus Lhasa der Deutschen Presse-Agentur in Peking telefonisch einen Lagebericht. Sicherheitskräfte trügen demonstrativ Maschinenpistolen oder auch Gewehre mit Bajonetten. Auf Dächern seien Geschütze aufgebaut. Der China-Korrespondent des Wochenblattes "Die Zeit" und der Berliner "tageszeitung" ("taz") ist einer von nur drei ausländischen Journalisten, die noch in Lhasa sind. Die Ausländerpolizei verstärkt täglich den Druck auf sie, das unruhige Hochland zu verlassen, sieht aber vorerst noch von einer Zwangsausweisung ab.

Normalität kehrt ein
Vier Tage nach den blutigen Ausschreitungen kehrt nach Blumes Schilderungen wieder Normalität in Lhasa ein. Es sei Aufräumen angesagt. Viele Menschen seien auf der Straße zu sehen. Wo sich aber Ansammlungen bildeten, würden die Menschen sofort von der Polizei aufgefordert weiterzugehen. Erstmals wurde am Dienstag der Platz vor dem Jokhang-Tempel im Herzen der Stadt wieder freigegeben. Am Rande stand ein Panzerwagen mit aufmontiertem Geschütz und einem Plakat: "Separatismus ist Unglück, Stabilität ist Glück." Wie Blume berichtete, ist die Stadt übersät mit Bannern wie etwa "Ethnische Gruppen vereinigt euch, lasst uns gemeinsam gegen die kriminellen Akte des Dalai Lama kämpfen."

Ursachen für den Gewaltausbruch
Als Ursachen des Gewaltausbruchs nennen Teilnehmer an den Demonstrationen nach Angaben von Blume vor allem Diskriminierung, wirtschaftliche Frustration und massive Preissteigerungen, die ganz China erfasst haben. "Erst haben sie eine schlechtere Ausbildung, dann schlechtere Jobs und dann werden sie noch selbst für die gleiche Arbeit schlechter bezahlt", gab der Journalist die Schilderungen weiter. "Die jungen Tibeter fühlen sich schlecht behandelt und chancenlos." Die Preise für Nahrungsmittel, aber auch für Textilien sind drastisch gestiegen. Eine Jeans koste in Lhasa heute nicht mehr 30, sondern 70 Yuan Renminbi (7 Euro), wurde beklagt. Den meist chinesischen Händlern werde vorgeworfen, an der Inflation zu verdienen.

Materielle Probleme
Wirtschaftliche und soziale Diskriminierung sowie materielle Probleme seien wichtige Ursachen, wurde Blume geschildert. "Wir verehren den Dalai Lama, aber auch Gott kann uns nicht mehr helfen", habe ein Tibeter gesagt. Dass weniger religiöse Motive hinter dem Aufstand gegen die Chinesen stehen, hätten auch ältere Tibeter bestätigt, die sich kritisch über die Proteste geäußert hätten und jetzt besorgt über die Folgen seien, berichtete Blume. Viele Tibeter befürchteten Festnahmen. In einem Viertel, wo Demonstranten gewohnt hatten, seien am Montag zwei Lastwagen mit festgenommenen jungen Leuten davongefahren. Es herrsche Angst. Wenn Sicherheitskräfte anrollten, ließen Tibeter schnell die Fensterläden ihrer Geschäfte herunter. Im Fernsehen liefen Fahndungsfotos, werde die Bevölkerung aufgefordert, Demonstranten zu denunzieren.

Chinesen völlig überrascht
Die Chinesen in Lhasa seien von den Unruhen völlig überrascht worden. "Sie haben es nicht kommen sehen, haben die Diskriminierung nicht wahrgenommen", schilderte Blume. Viele chinesische Händler seien nur für ein paar Jahre in Lhasa, um Geld zu verdienen und dann in ihre Heimat zurückzukehren. Viel mehr wunderten sie sich noch über die Verärgerung, weil sie annähmen, dass auch die Tibeter von dem wirtschaftlichen Aufschwung und den Finanzspritzen aus Peking profitierten. Die Wut entlud sich ausschließlich gegen Chinesen. "Es sind nur die chinesischen Länden kaputt", beobachtete Blume, der von Schäden in der ganzen Stadt berichtete. Hotels, Märkte und Geschäfte seien ausgebrannt. Auf einer kilometerlangen Straße seien alle Geschäfte zerstört. "Da steckte eine ungeheure Gewalt hinter."

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