Interimspremier mit großem Vermittlertalent

Marini-Porträt

© REUTERS/ALESSANDRO BIANCHI

Interimspremier mit großem Vermittlertalent

Ein Christdemokrat mit Leib und Seele ist der 74-jährige Franco Marini, der vom italienischen Staatschef Giorgio Napolitano mit der Bildung einer Übergangsregierung beauftragt wurde. Seit April 2006 bekleidet Marini den Posten des Senatspräsidenten, das zweithöchste Amt in Italiens politischem System. Der Spitzenpolitiker der neu gegründeten Mitte-links-Gruppierung "Demokratische Partei" galt als letzte Hoffnung Napolitanos, vorgezogene Parlamentswahlen abzuwenden.

Katholische Gewerkschaft
Ein halbes Jahrhundert hat Marini in den Reihen der katholischen Gewerkschaftsorganisation CISL, der Democrazia Cristiana und der Nachfolgepartei PPI verbracht. Hartnäckigkeit und Vermittlertalent sind die Haupteigenschaften des am 9. April 1933 in der bergigen Region Abruzzen geborenen Politikers, der gern im Apenningebirge wandert und Pfeife raucht. Der in der Nähe der Stadt L'Aquila als Sohn eines chemischen Arbeiters geborene Marini wuchs mit sechs Geschwistern in ärmeren Verhältnissen auf.

Nach dem Jus-Studium trat er dem Gewerkschaftsverband CISL bei. 1985 rückte er zum Vorsitzenden der CISL auf. Sechs Jahre lang führte er Italiens zweitstärksten Gewerkschaftsverband. Unter seiner Leitung einigten sich die Gewerkschaften mit dem Arbeitgeberverband Confindustria über ein Abkommen zur inflationsabhängigen Lohnerhöhungen. Seit 1983 hatten sich die Tarifpartner nicht über eine Reform des Systems der "Scala Mobile" einigen können, mit der Löhne automatisch entsprechend der Inflationsrate erhöht wurden.

1991 in die Politik
1991 beendete Marini seine Karriere als Gewerkschaftschef mit einem Sprung in die Politik. In diesem Jahr trat er der letzten Regierung unter dem Christdemokraten Giulio Andreotti bei. In der christdemokratischen Regierung übernahm er damals den Posten des Arbeitsministers. Nach dem Sturz Andreottis wurde Marini 1992 in den Reihen der Traditionspartei Democrazia Cristiana zum Abgeordneten gewählt. Die Parlamentswahlen erwiesen sich für ihn als Triumph. Marini wurde zum meistgewählten Christdemokraten Italiens.

PPi gegründet
1993 wurde die von unzähligen Korruptionsskandalen erschütterte Democrazia Cristiana aufgelöst. Mehrere christdemokratische Parteien entstanden aus der Asche der mächtigen DC: Marini gründete die Volkspartei (PPI), die sich an den Werten des Priesters und Politikers Luigi Sturzo orientierte. Ziel Marinis war es, aus der Volkspartei die führende Kraft in der Mitte des italienischen Parteienspektrums zu machen. 1997 rückte er zum Chef der Volkspartei auf, die inzwischen dem Mitte-Links-Bündnis "Ulivo" um Romano Prodi beigetreten war. Zwei Jahre später wurde er zum Europa-Parlamentarier gewählt.

"Mann des Dialogs"
Als sich im Jahr 2000 die Volkspartei in der gemäßigten Sammelbewegung "Margherita" auflöste, arbeitete Marini unermüdlich für eine Zurückdrängung des Einflusses der Altkommunisten (Rifondazione Comunista) von Fausto Bertinotti auf die Politik der Mitte-Links-Allianz. Im vergangenen Jahr stimmte Marini der Auflösung der "Margherita" und deren Fusion mit den Linksdemokraten (DS, stärkste Regierungspartei) zu, was im Oktober 2007 zur Gründung der "Demokratischen Partei"(PD) führte. Zum PD-Chef wurde der römische Bürgermeister Walter Veltroni ernannt. Veltroni zählte zu den aktivsten Befürwortern einer Übergangsregierung unter Marinis Führung. "Marini ist ein Mann des Dialogs. Er kann parteiübergreifenden Konsens für eine neue Wahlrechtsreform erhalten", sagte Veltroni.

Marini ist schon am Werk. Er kämpft gegen die Zeit, um dem Land vorgezogene Parlamentswahlen und jene politische Instabilität zu ersparen, die er sein Leben lang bekämpft hat.

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