07. Februar 2010 09:17
In der Ukraine hat der Russland-freundliche Oppositionsführer Viktor
Janukowitsch die Präsidentenwahl gewonnen. Die Wahlleitung in Kiew teilte am
Montag mit, dass der 59-Jährige bei der Auszählung der letzten Stimmen nicht
mehr einzuholen sei. Damit wurde der NATO-Gegner und Rivale von
Regierungschefin Julia Timoschenko indirekt zum Sieger erklärt.
Nach Auszählung von 97,56 Prozent der Stimmen erhielt Ex-Premier
Janukowitsch am Sonntag 48,49 Prozent, Timoschenko 45,92 Prozent. Knapp 4,4
Prozent sprachen sich laut Nachrichtenagentur UNIAN explizit gegen beide
Kandidaten der Stichwahl aus. Timoschenko warf ihrem Gegner Wahlfälschung
vor und verwies auf eine eigene Stimmenauszählung mit anderem Ergebnis.
Es wird davon ausgegangen, dass sie das offizielle Ergebnis anfechten wird.
Damit würde die politische und wirtschaftliche Unsicherheit des
osteuropäischen Land weiter anhalten. Wahlbeobachter des Europarats und des
EU-Parlaments erklärten, ihnen lägen keine Hinweise auf Manipulationen vor.
Sehen
Sie hier alle Infos und Bilder zu halbnackten Aktivistinnen in den
Wahllokalen
"Sie sollte zurücktreten"
"Ich denke, Julia
Timoschenko sollte sich auf ihren Rücktritt vorbereiten", erklärte
der 59-jährige Janukowitsch, für den der Wahlsieg ein politisches Comeback
bedeuten würde. Bei der Präsidentenwahl vor fünf Jahren waren seinem von
Russland unterstütztem Lager massive Wahlfälschungen vorgeworfen worden.
Damals hatten die Ukrainer mit Massenprotesten eine Neuaustragung der
Stichwahl erzwungen, aus der der pro-westliche Viktor Juschtschenko als
Sieger hervorging.
Der Amtsinhaber schied diesmal bereits im ersten Wahlgang mit wenigen
Prozentpunkten aus; viele Ukrainer sind von ihm enttäuscht. Timoschenko war
Juschtschenkos Verbündete bei der "Orangen Revolution" von
Ende 2004, beide sind aber inzwischen zerstritten.
Misstrauensvotum möglich
Die 49-jährige erklärte, ihr Lager
habe inzwischen 85 Prozent der Stimmen ausgezählt und einen Vorsprung für
sie von 0,8 Prozentpunkten gegenüber Janukowitsch ermittelt. Einen Aufruf an
die Bevölkerung, bei Wahlbetrug auf die Straße zu gehen, wiederholte die
Politikerin mit dem geflochtenen Haarkranz indes nicht.
Sollte sich der Sieg Janukowitschs bestätigen, müsste Timoschenko damit
rechnen, dass das Parlament sie mit einem Misstrauensvotum ihres Amtes
enthebt. Janukowitsch könnte dann eine neue Koalition bilden oder
vorgezogene Parlamentswahlen ausrufen.
Janukowitsch lehnt NATO-Beitritt ab
Die beiden Kandidaten hatten
sich einen erbitterten Wahlkampf geliefert, in dem sie sich gegenseitig der
Lüge und Fälschung bezichtigten. Sowohl Timoschenko als auch Janukowitsch
haben sich für gute Beziehungen zum Nachbarn Russland ausgesprochen, streben
gleichzeitig aber eine weitere Annäherung der früheren Sowjet-Republik an
die EU an. Janukowitsch lehnt einen Beitritt zur NATO ab.
Wichtigstes Ziel des neuen Präsidenten dürfte es sein, das Land aus dem
politischen und wirtschaftlichen Chaos zu führen. Ein Staatsbankrott konnte
zuletzt nur mit Hilfe eines Milliardenkredits des Internationalen
Währungsfonds (IWF) abgewendet werden. Eine fällige Tranche liegt derzeit
auf Eis, weil der IWF die Sparauflagen durch eine Erhöhung der Mindestlöhne
und Pensionen verletzt sah.