Künftig zeigen die USA ihre toten Soldaten

Verbot gelockert

 

Künftig zeigen die USA ihre toten Soldaten

Hundertfach hat sich das Ritual in den vergangenen Jahren wiederholt: Eine Frachtmaschine der US-Luftwaffe setzt auf der Landebahn des Stützpunkts Dover an der Ostküste auf. Die Ladeluke wird geöffnet. Soldaten in Uniform salutieren, während Särge aus der Maschine in die Leichenhalle getragen werden - es ist die größte der US-Armee. Nirgendwo in den USA zeigen sich die menschlichen Kosten des Kriegs so schmerzhaft wie in Dover. Doch der Soldatentod war Tabuthema: Die Öffentlichkeit war ausgeschlossen, wenn die Gefallenen heimkamen, Fotos waren verboten. Das wird sich nun ändern.

Privatsphäre?
Lange hatte es so ausgesehen, als fürchte sich die Regierung in Washington vor der Macht der Bilder. Mehr als 5000 US-Soldaten starben bei den Militäreinsätzen im Irak und in Afghanistan, fast allen wurde in Dover der erste Empfang bei der Rückehr in die Heimat bereitet. Fotografen und Kameraleute waren dabei auf Geheiß des Pentagon ausgeschlossen, das Verteidigungsministerium berief sich auf die Privatsphäre. Medien und Kriegsgegner indes verdächtigten die Regierung von George W. Bush, das wahre Ausmaß des Leids der Militäreinsätze verschleiern zu wollen.

Mit der Geheimnistuerei hinter den Zäunen des Stützpunkts von Dover soll nun Schluss sein. Auf Bitten von Präsident Barack Obama hob das Pentagon am Donnerstag das Bilder-Verbot auf. "Die Entscheidung, ob die würdevolle Überführung in Dover von den Medien begleitet wird, sollten jene treffen, die davon am stärksten betroffen sind, nämlich die Familien der Gefallenen", sagte Verteidigungsminister Robert Gates. Wenn die Hinterbliebenen keine Einwände erheben, dürfen Bildmedien fortan Zugang haben.

Vietnam
Diskussionen über die öffentliche Wirkung der Bilder von Kriegstoten hatte es in den USA bereits im Bürgerkrieg und während der beiden Weltkriege gegeben. Doch erst das neue Massenmedium Fernsehen verlieh der Diskussion eine neue Qualität: In den 60er Jahren flimmerten die Bilder von der Heimkehr der in Vietnam gefallenen US-Soldaten in die Wohnstuben, die Aufnahmen von Särgen unter dem Sternenbanner wurden zum machtvollen Symbol für die Grausamkeit des Kriegs. Dass sich die öffentliche Stimmung in den USA gegen den Krieg wandte, lasteten Armee und Regierung damals vor allem den Medien an.

Die US-Regierung zog die Konsequenz, als sie 1991 unter George Bush senior gegen den Irak in den Krieg zog. Sie eignete sich die Herrschaft über die Bilder an: Aufnahmen von den Särgen gefallener Soldaten wurden verboten. Damit entschärfte sie ein machtvolles Instrument zur Beeinflussung der öffentlichen Meinung, sagt die Medienforscherin Kelly McBride von der US-Denkfabrik Poynter Institute: "Wenn ich Ihnen ein Jahr lang einmal pro Woche einen Sarg zeige, werden Sie zu dem Schluss kommen, dass in diesem Krieg sehr viele Menschen sterben." Bilder von Toten seien weitaus wirkungsvoller in der Öffentlichkeit als Statistiken über die Zahl der Gefallenen, sagt McBride.

Informationsbedürfnis
Im Spannungsfeld zwischen der Privatsphäre der Hinterbliebenen und dem Informationsbedürfnis der Öffentlichkeit hatte sich die Kritik an dem Bildverbot zuletzt verschärft. Senator Joe Biden etwa, der heutige Vizepräsident, hatte Obamas Vorgänger George W. Bush vorgeworfen, die Gefallenen "unter dem Schutz der Nacht auf dem Schleichweg in ihre Heimat zu schmuggeln".

Bush freilich hatte eine Aufhebung des Fotoverbots vehement abgelehnt. Wie machtvoll Bilder sein können, hatte seine Regierung 2004 erfahren müssen: Schockierende Fotos von Gefangenenmisshandlungen im Bagdader Gefängnis Abu Ghraib beschleunigten damals den Stimmungsumschwung in den USA gegen den Irak-Krieg.

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