06. Juni 2008 17:30
Mit Musik, Videoclips und Mitmachportalen versuchen deutsche Neo-Nazis
zunehmend, im Internet gezielt Jugendliche anzuwerben. Trotz ständiger
Gegenmaßnahmen habe es 2007 so viele rechtsextreme Webseiten gegeben wie nie
zuvor, sagte der Projektleiter der länderübergreifenden Organisation
jugenschutz.net, Stefan Glaser, bei der Vorstellung des Berichts
"Rechtsextremismus im Internet" am Freitag in Berlin.
1.635 rechtsextreme Webseiten
Insgesamt seien 1.635 rechtsextreme
Webseiten entdeckt worden. Die "Kameradschafts"-Szene und die NPD hatten
demnach 30 Prozent mehr Netzauftritte als noch 2006. Ganz bewusst würden
dabei immer mehr "jugendaffine Lockangebote" wie Videos als Handy-Version
eingesetzt und beliebte Web-2.0-Angebote wie YouTube oder SchülerVZ genutzt.
Der "Zuwachs und die Konsolidierung" der rechtsextremen Internetseiten seien
derzeit charakteristisch für die Szene, sagte Projektleiter Glaser. Während
die Neo-Nazi-Angebote früher ständig die Adressen gewechselt hätten, seien
mittlerweile 85 Prozent konstant im Netz zu erreichen. Ein Grund sei, dass
viele Betreiber ihre Inhalte gerade "unterhalb der Strafbarkeitsgrenze"
präsentierten.
jugendschutz.net
jugendschutz.net wurde 1997 als gemeinsame
Stelle der deutschen Bundesländer für den Jugendschutz im Internet
gegründet. Das vierköpfige Team beobachtet seit 2000 den Rechtsextremismus
im Internet und ergreift Maßnahmen zur Abschaltung der entsprechenden Seiten.
Charakteristisch sei für viele Szene-Websites inzwischen auch die Gestaltung
im Web-2.0-Stil. Kurze Info-Texte, moderne optische Gestaltung, Videoclips
zum Herunterladen und eine unkomplizierte Kontaktaufnahme gehörten dazu.
Zudem seien viele rechtsextreme Seiten nicht mehr auf den ersten Blick als
solche zu erkennen, weil dort keine Nazi-Logos mehr verwendet würden.
Stattdessen bedienten sich die Betreiber Symbolen aus anderen Jugendszenen
wie etwa Graffiti.
Professionelle YouTube Videos
Zudem stellen Neonazis gezielt
professionell gemachte Videos bei YouTube ein oder platzieren Links bei
Social Communities wie SchülerVZ oder MySpace auf rechtsextreme Webseiten,
wie Glaser weiter sagte. Auf YouTube habe jugendschutz.net im vergangenen
Jahr fast 700 Videos mit rechtsextremen Inhalten dokumentiert. Zum einen
würden die Jugendlichen so direkt angesprochen, zum anderen steige der
Bekanntheitsgrad der Webseiten durch die Verlinkungen enorm an. Bei einer
der beobachteten "Kameradschafts"-Seiten sei die Besucherzahl nach der
Platzierung bei SchülerVZ binnen eines Monats von tausend auf 6.000
hochgeschossen.
Vervierfachung seit 2003
Neu sei auch, dass Neo-Nazis
mittlerweile Angebote aus der klassischen Jugendarbeit übernehmen, und zwar
nicht nur in den Dörfern und Gemeinden, sondern nun auch im Internet. So
werde den Jugendlichen Nachhilfe oder Begleitung zum Berufsberater oder zum
Arbeitsamt angeboten. Deshalb sei es "besonders bedenklich, dass sich die
Anzahl dieser Sites seit 2003 mehr als vervierfacht" habe, heißt es in dem
Bericht.
Durch die Verhandlungen mit den Internet-Providern und Betreibern von Seiten
wie YouTube habe jugendschutz.net 2007 die Schließung von 80 Prozent der
entdeckten unzulässigen Internetseiten erreicht, sagte Glaser. Mit YouTube
bestehe inzwischen eine Kooperation mit dem Ergebnis, dass das Portal auf
Hinweis von jugendschutz.net im Durchschnitt 93 Prozent der als
extremistisch gemeldeten Videos zügig lösche. Dennoch müssten auch die
Betreiber mehr Verantwortung übernehmen, sagte Glaser. Wer im Internet Geld
verdiene, müsse auch selbst Personal und Geld abstellen, um rechtsextreme
Inhalte zu identifizieren und zu sperren.