Papst fordert Williamson offen zum Widerruf auf Papst fordert Williamson offen zum Widerruf auf

Dramatische Wende

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Papst fordert Williamson offen zum Widerruf auf

Der Vatikan hat den traditionalistischen Bischof Richard Williamson am Mittwoch aufgefordert, seine Leugnung des Holocaust zu widerrufen. Williamson müsse sich "eindeutig und öffentlich" von seinen Äußerungen distanzieren, bevor er wieder voll in die Kirche aufgenommen werden könne, hieß es in einer Erklärung des Vatikan . Papst Benedikt XVI. hatte kürzlich die seit 1988 bestehende Exkommunikation der vier Bischöfe der ultrakonservativen Piusbruderschaft aufgehoben. Zu diesen gehört auch der Brite Williamson.

In der Erklärung stellt der Vatikan klar, dass Papst Benedikt XVI. nichts über die Holocaust-Leugnung von Bischof Williamson wusste, als er die Exkommunikation der Levebvristen aufhob. Ein schwedischer TV-Sender ging sogar von einer gezielten Kampagne gegen Papst Benedikt XVI. aus.

Williamson hält Leugnung nicht für strafbar
Williamson hält seine verbreiteten Aussagen einem Bericht zufolge nicht für strafbar. Die Onlineausgabe der "Financial Times Deutschland" zitierte den Leitenden Regensburger Oberstaatsanwalt Günther Ruckdäschel mit den Worten, es habe sich ein Verteidiger für Williamson gemeldet. Dieser habe angegeben, dass Williamson von dem schwedischen Interviewer-Team die Zusage bekommen habe, dass das Interview ausschließlich in Schweden ausgestrahlt werde.

"Er meint, das sei nicht strafbar", wurde Ruckdäschel zitiert. Die Staatsanwaltschaft prüfe die Aussagen. Einer der beteiligten Journalisten habe sich bereits gemeldet. Unter Umständen würden er und seine Kollegen über ein Rechtshilfeverfahren vernommen. Die bayerische Justiz ermittelt seit dem 23. Jänner wegen des Verdachts auf Volksverhetzung gegen Williamson.

Es hagelt Kritik
Die heftige Kritik aus Politik und Kirche in Deutschland am Papst riss unterdessen auch am Mittwoch nicht ab. SPD-Chef Franz Müntefering forderte den Vatikan am Mittwoch auf, die Aufhebung der Exkommunikation Williamsons rückgängig zu machen. "Ich halte die Rehabilitierung eines Bischofs, der den Holocaust leugnet, für inakzeptabel. Das ist ein schwerer, historischer Fehler, den die Kirche so schnell wie möglich korrigieren muss", sagte Müntefering der "Berliner Zeitung". Der Papst selbst ging während seiner Audienz am Vormittag mit keinem Wort auf den Fall der umstrittenen Piusbruderschaft ein.

Berliner Bischof: "Ungeheurlich"
Auch der Berliner Erzbischof Kardinal Georg Sterzinsky forderte den Papst zu einer Rücknahme der umstrittenen Rehabilitierung des Holocaust-Leugners Williamson auf. "Den Holocaust zu leugnen ist ungeheuerlich und eine große Belastung für die Beziehungen zum Judentum", sagte Sterzinsky der "Bild"-Zeitung. Die Exkommunikation von Williamson aufzuheben sei ein Vorgang, den er nicht für richtig halte. "Das muss in Ordnung gebracht werden", erklärte der Erzbischof.

Ratzingers Bruder greift Merkel an
Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel wird für ihre Forderung an den Papst nach "Klarstellungen" aus Kirche und CSU scharf kritisiert. Es sei "unbegreiflich und empörend", wie die Integrität Benedikts XVI. derzeit sogar von staatlicher und politischer Seite infrage gestellt werde, sagte der Eichstätter Bischof Gregor Maria Hanke. Er sei darüber bestürzt. Auch Papst-Bruder Georg Ratzinger zeigte sich von Merkel persönlich enttäuscht: "Ich habe sie immer als vernünftige Frau gesehen. Aber vielleicht steht sie momentan auch unter Druck, dass sie sich jetzt so äußert, wie sie es vernünftigerweise nicht machen würde", sagte der frühere Regensburger Domkapellmeister der "Leipziger Volkszeitung".

Der Zentralrat der Juden in Deutschland forderte indes eine klare Kurskorrektur der Kirche gegenüber der Piusbruderschaft. Präsidentin Charlotte Knobloch sagte in München, sie erwarte, "dass der Vatikan konkrete Konsequenzen aus den ungeheuerlichen Vorfällen um die Piusbruderschaft zieht - über eine reine Distanzierung oder Entschuldigungen hinaus".

Lob vom Jüdischen Weltkongress
Der Jüdische Weltkongress (WJC) hat die Aufforderung des Vatikans an den umstrittenen Bischof Richard Williamson begrüßt, die Leugnung des Holocaust öffentlich zu widerrufen. Kongress-Präsident Ronald S. Lauder sagte in einer am Mittwoch veröffentlichten Erklärung: "Dies war das Signal, auf das die jüdische Welt gewartet hat." Der Vatikan sei schlecht beraten gewesen, die Exkommunikation der vier Bischöfe aufzuheben.

Eisenberg zeigt sich enttäuscht
Der Wiener Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg hingegen zeigte sich enttäuscht über den Papst und misstrauisch gegenüber der katholischen Kirche. Gleichzeitig räumte er in einem Interview mit der deutschen Wochenzeitung "Die Zeit" ein, dass Benedikt "bestimmt kein antisemitisches Zeichen setzen" wollte. "Der Papst ist zunächst das Problem der Katholiken und nicht der Juden."

Hintergrund:

Williamson hatte in einem Interview (siehe Video) mit dem schwedischen Fernsehen die Ermordung von sechs Millionen Juden in den Gaskammern der Nazis bestritten. Er ist einer von vier Bischöfen der vom französischen Erzbischof Marcel Lefebvre 1970 gegründeten Priesterbruderschaft St. Pius X. (SSPX), deren 20 Jahre zurückliegende Exkommunikation der deutsche Papst kürzlich aufhob.

lefebvre
Marcel Lefebvre

Lefebvre (1905-1991), der die Lehren des Zweiten Vatikanischen Konzils zur Glaubensfreiheit sowie die 1969/70 eingeführte Liturgiereform ablehnte, hatte 1988 entgegen der Weisung des Heiligen Stuhls vier Männer zu Bischöfen geweiht. Ein derartiger Akt zieht nach Kirchenrecht (can. 1382) die automatische Exkommunikation (excommunicatio latae sententiae) der Beteiligten mit sich.

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