Prozess gegen Karadzic unterbrochen

UN-Tribunal

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Prozess gegen Karadzic unterbrochen

Der Völkermord-Prozesses gegen den ehemaligen Präsidenten der bosnisch-serbischen Republik, Radovan Karadzic, ist wegen des anhaltenden Boykotts durch den Angeklagten für mehrere Tage unterbrochen worden. Das Gericht werde die Situation "sorgfältig bedenken" und bis Ende der Woche eine Entscheidung über das weitere Verfahren fällen, erklärte der Vorsitzende Richter O-Gon Kwon am Dienstag zum Abschluss einer Anhörung.

Der für Mittwoch geplante Beginn der Zeugenanhörung wurde bis auf weiteres verschoben. Für die Anhörung hatte Karadzic seinen Boykott ausgesetzt und war zum ersten Mal seit Beginn des Prozesses am 26. Oktober vor den Richtern erschienen.

Enttäuschte Richter
"Es ist sehr bedauerlich, dass Sie hier nur Ihre bekannten Positionen wiederholt haben", sagte der aus Südkorea stammende Richter, nachdem der Angeklagte erneut mehr Zeit zur Vorbereitung seiner Verteidigung verlangte. "Ich wäre doch ein Krimineller, wenn ich an einem Prozess teilnehmen würde, auf den ich gar nicht vorbereitet bin", sagte Karadzic vor den Richtern des 1993 von den Vereinten Nationen geschaffenen Internationalen Strafgerichtshofes für das ehemalige Jugoslawien.

Zuvor hatte die deutsche UN-Staatsanwältin Hildegard Uertz-Retzlaff im Namen der Anklage einen Kompromiss angeboten. Falls Karadzic am Prozess teilnehmen und mit seiner Verteidigung beginnen würde, könne ihm erlaubt werden, später mehr Zeit in Anspruch zu nehmen und zusätzliche Argumente vorzubringen. Sollte er dazu nicht bereit sein, müsse das Gericht ihm das Recht aberkennen, sich selbst zu verteidigen und einen Pflichtanwalt einsetzen. Dann könne der Prozess auch ohne Karadzic weitergehen.

Vorschläge zurückgewiesen
Karadzic wies alle Vorschläge zurück und machte zugleich klar, dass er mit einem Pflichtverteidiger nicht zusammenarbeiten werde. "Ich selbst leite ein Beraterteam mit erstklassigen Profis aus allen Teilen der Welt", sagte er. Kein Pflichtverteidiger könne sich so gut in die 1,3 Millionen Seiten umfassenden Beweismaterialien zur Anklageschrift einarbeiten wie er selbst.

"Ich hoffe, das ist hier nicht ein Art Trick", erklärte der in einem dunkelblauen Anzug mit rosa Hemd und lila Krawatte erschienene und sehr selbstbewusst wirkende Angeklagte. Der Staatsanwaltschaft warf er vor, sein Verfahren manipulieren zu wollen. Sie habe ihm nach seiner Verhaftung im Juli 2008 "neun Monate lang relevantes Material vorenthalten, so dass ich nur fünf Monate Zeit hatte mich vorzubereiten". Er boykottiere seinen Prozess nicht, sondern brauche lediglich noch eine Reihe von Monaten für seine Vorbereitung. "Ich komme, wenn ich damit fertig bin."

Völkermord, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen
Der frühere Präsident der bosnischen Serbenrepublik ist wegen Völkermordes, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen während des Bosnienkrieges von 1992 bis 1995 in elf Fällen angeklagt. Er soll einer der Hauptverantwortlichen für den gewaltsamen Tod zehntausender Menschen und die Vertreibung von etwa zwei Millionen Menschen sein.

Am Vortag hatte die Staatsanwaltschaft bei der Darlegung der Anklage erklärt, Karadzic habe unter anderem im Juli 1995 das Massaker an bis zu 8000 muslimischen Männern und Jungen in der UN-Schutzzone Srebrenica persönlich angeordnet. Das Verbrechen gilt als das schwerste in Europa seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Karadzic, der bisher alle Vorwürfe bestritten hat, droht eine lebenslange Haftstrafe.

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