NS-Kriegsverbrecher

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"Schlächter von Oradour" gestorben

Der ehemalige SS-Mann erlag einem Krebsleiden, wie das Evangelische Pfarramt von Gransee bei Berlin am Dienstag mitteilte. Die Beerdigung findet im September statt. Barth beteiligte sich im Juni 1944 an dem Massaker der Waffen-SS in dem französischen Dorf Oradour-sür-Glane, bei dem 642 Menschen und damit fast alle Einwohner ermordet wurden.

Der Granseer Pfarrer Heinz-Dieter Schmidtke sagte, die Urnenbeisetzung finde erst im September statt, weil vorher nicht alle Angehörigen zusammenkommen könnten. Bei der Grabesrede will der Pastor nach eigenen Worten auch Barths Nazi-Vergangenheit ansprechen. "Alles andere wäre Geheuchel. Und das sollte man nicht tun."

Massaker von Oradour
Das Massaker von Oradour nahe der Stadt Limoges gilt in Frankreich als Symbol für die Nazi-Barbarei. Bei dem Massaker am 10. Juni 1944 hatten gut 200 Mitglieder der SS-Division "Das Reich" 642 Zivilisten, darunter 247 Kinder, grausam umgebracht. Die Männer wurden mit Maschinengewehren erschossen. Frauen und Kinder wurden in der Dorfkirche eingesperrt, die dann angezündet wurde.

Tat nie bereut
Laut Überlebenden hat Barth seine Tat nie bereut. Barth habe bei seinem Prozess in Ost-Berlin 1983 "keinerlei Bedauern" gezeigt, sagte Robert Hebras, einer von nur sechs Überlebenden des Massakers aus dem Jahr 1944, am Dienstag. "Das einzige, was er bedauert hat, war, dass es Überlebende gab, die als Zeugen auftreten konnten." Das habe den früheren SS-Mann "überrascht", sagte der 82-jährige Hébras, der seinerzeit bei dem Verfahren in der DDR anwesend war.

Der französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy erklärte am Dienstag, der Tod Barths erinnere Frankreich an eine der tragischsten Episoden seiner Geschichte. Der Politiker zollte den Opfern und ihren Familien seine Anerkennung, wie sein Büro mitteilte.

In der DDR untergetaucht
Barth, der im Krieg ein Bein verlor und einen steifen Arm zurückbehielt, tauchte in der DDR unter und wurde in Frankreich 1953 in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Unter falschem Namen lebte er bis 1981 unerkannt in Gransee nördlich von Berlin, wo er als Dekorateur und Leiter eines Konsums arbeitete. Nach seiner Entdeckung wurde er 1983 zu lebenslanger Haft verurteilt und 1997 wegen seines schlechten Gesundheitszustandes entlassen. Er litt unter anderem an Bluthochdruck und Diabetes. Nach Überzeugung der DDR-Richter nahm Barth bereits 1942 als Freiwilliger an vier Erschießungen von insgesamt 92 tschechischen Zivilisten teil.

Barth bezog Kriegsopferrente
Nach der Wende bezog Barth eine Kriegsopferrente zwischen monatlich 270 und 800 Mark. Erst nachdem 1998 eine Gesetzeslücke geschlossen wurde, stellte das Versorgungsamt die Zahlungen ein. Der Kriegsverbrecher klagte daraufhin auf Weiterzahlung der Rente und unterlag schließlich vor Gericht im Jahr 2000.

Pfarrer Schmidtke sagte, Barth sei Mitglied der Kirchengemeinde gewesen, habe sich an Aktivitäten aber nie beteiligt. Der Mann habe zurückgezogen gelebt. Der Geistliche sagte, er habe wegen der Verbrechen eine große Distanz zu Barth, wolle aber trotzdem die Grabesrede halten. "Die Beerdigung ist für die Lebenden da", betonte der Pastor.

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