Erstmals

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Video von Guantanamo-Verhör aufgetaucht

Er weint, er rauft sich die Haare, er schluchzt, verbirgt den Kopf in den Händen, reißt sein Gefangenenhemd hoch: Zum ersten Mal ist die Öffentlichkeit Augen- und Ohrenzeuge eines Verhörs im Gefangenenlager Guantánamo Bay geworden. Und besonders dramatisch: Der mutmaßliche Terrorist, der da vernommen wird, ist erst 16, ein Jugendlicher noch - in einem Alter, in dem andere Fußball spielen, ins Kino gehen, sich zum ersten Mal verlieben.

16-jähriger Kanadier
Er heißt Omar Khadr, stammt aus Kanada und gilt als der jüngste Gefangene, der jemals in das Lager auf dem Stützpunkt Guantánamo Bay gebracht wurde. Er wird beschuldigt, in Afghanistan einen US-Soldaten getötet zu haben und er hat ausgesagt, dass er während seiner Gefangenschaft misshandelt wurde, unter Zwang falsche Geständnisse ablegte.

Das Video, das in Ausschnitten am Dienstag um die Welt ging, im Fernsehen und im Internet gezeigt wurde, stammt aus dem Jahr 2003. Aufgenommen wurde es nach Medienberichten von amerikanischen Sicherheitsbeamten, aber das Verhör wurde von kanadischen Experten durchgeführt. Die Amerikaner behalten sich dies sonst vor, aber diesmal machte das Pentagon eine Ausnahme und gab dem kanadischen Sicherheitsgeheimdienst eine Ausnahmegenehmigung.

Verteidiger gelangt an DVDs
Eine Entscheidung, die die US-Seite wahrscheinlich jetzt bereut, wie Medien am Dienstag spekulierten. Denn die DVDs von den Verhören, die sich über vier Tage hin zogen, gelangten in die Hände von Khadrs Verteidigern: Sie erkämpften vor einem kanadischen Gericht die Freigabe und sorgten dafür, dass die Weltöffentlichkeit Zeuge wurde. Sie wollen die Aufzeichnungen auch im bevorstehenden Prozess gegen den heute 21-Jährigen wegen Mordes und Unterstützung der Terrororganisation Al Kaida vor einem Sondergericht als Beweis für den Druck verwenden, unter dem ihr Mandant seinerzeit gestanden habe.

Sechs Monate befand sich der Teenager in US-Gewahrsam, als die Vernehmung durchgeführt wurde. Khadr war nach amerikanischen Angaben im Juli 2002 an einem Feuergefecht gegen US-Truppen beteiligt gewesen, hatte einen Soldaten mit einer Handgranate zerfetzt. Er selbst wurde dann, von mehreren Kugeln getroffen und dem Tode nahe, in den Trümmern eines zerbombten Häuserkomplexes gefunden. Das war der Beginn seiner Gefangenschaft.

Das unter anderem vom US-Sender CNN und der britischen BBC ausgestrahlte Video ist größtenteils verschwommen, auch die Stimmen sind teilweise kaum zu verstehen. Aber zu hören ist beispielsweise, dass Khadr gefragt wird, was er von Al-Kaida-Mitgliedern wisse und dann zu schluchzen beginnt. An einer Stelle beklagt er sich, dass er seine Arme nicht bewegen könne, noch immer unter den Folgen der im Feuergefecht in Afghanistan erlittenen Schussverletzungen leide und in Guantánamo medizinisch schlecht betreut werde. Khadr reißt dann sein Hemd hoch, zeigt die vernarbenden Wunden. "Für mich sieht es so aus, als heilten sie gut", sagt der Mann, der ihn verhört. "Ich bin euch egal", klagt der Bub.

Weinende Rufe
An anderer Stelle sagt Khadr, er habe Probleme mit seinem Augenlicht, ruft weinend aus: "Ich habe meine Augen verloren, ich habe meine Füße verloren, alles!" Der Verhörleiter reagiert trocken: "Nein, Du hast Deine Augen noch. Deine Füße sind noch am Ende Deiner Beine." Der damals 16-Jährige schaukelt wiederholt mit seinem Oberkörper hin und her, hat das Gesicht in den Händen verborgen. "Helft mir", schluchzt er mehrere Male. Medienberichten zufolge sagt er an einem der Verhörtage auch, dass er im US-Gewahrsam gefoltert worden sei, schon gleich nach seiner Gefangennahme, im Lager Bagram in Afghanistan. Und er bittet um Schutz vor den Amerikanern und sagt, dass er nach Kanada zurück wolle. "Ich kann nichts machen", antwortet der Verhörbeamte.

Ungefähr zehn Minuten haben die Anwälte des Jugendlichen aus dem rund sieben Stunden langen Verhörvideo ausgewählt, um der Welt zu zeigen, wie verzweifelt Khadr ist - und wie jung. Unabhängig davon, was der Kanadier getan haben möge, werde die Veröffentlichung ein weiteres negatives Schlaglicht auf die US-Praktiken im Antiterrorkampf werfen, kommentierten Medien am Dienstag. Schon mehr als fünf Jahre ist Khadr mittlerweile in dem Lager gefangen, in dem sich zurzeit noch etwa 270 andere Terrorverdächtige befinden. Im kommenden Oktober soll ihm endlich der Prozess gemacht werden.

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