Polen

Wielgus-Rücktritt als Triumph für Anti-Kommunisten

Die Vorwürfe, Wielgus hätte mit der kommunistischen Geheimpolizei zusammengearbeitet, führten kurz vor dessen Amtseinführung zu dessen Rücktritt. Einen durchaus süßen Triumph feierten an diesem Tag jene ehemaligen kommunistischen Geheimdienstler, die einst mit Erpressungen und Drohungen viele Menschen zur Zusammenarbeit gezwungen haben.

Jene Menschen, die das kommunistische System voll und ganz unterstützt haben, saßen am Sonntag vor den Fernsehschirmen und dürften genüsslich das Spektakel beobachtet haben, das wegen ihrer Geheimdienstakten ausgebrochen ist. Erst die Veröffentlichung der SB-Akten hat dazu geführt, dass der von Papst Benedikt XVI. ernannte Erzbischof von Warschau seine "Bereitschaft zur Zusammenarbeit" mit dem Geheimdienst zugeben musste.

Debatte nicht beendet
Mit dem Rücktritt des Oberhirten ist die Debatte jedoch keineswegs beendet. Verschiedene, darunter auch geistliche Beobachter, werfen den kirchlichen Würdenträgern Nachlässigkeit in der Frage vor. Die Kritik richtet sich vor allem gegen den päpstlichen Nuntius in Warschau, Erzbischof Jozef Kowalczyk. Dass kein Kirchenvertreter Einsicht in die Akten der kommunistischen Geheimpolizei nehmen wollte, wie das Institut für das Nationale Gedächtnis (IPN) als Archivstelle bestätigte, wurde von vielen Polen mit Kopfschütteln quittiert.

Kardinal Glemp verteidigt Wielgus
Der polnische Primas Kardinal Jozef Glemp hat seinen zurückgetretenen Nachfolger Stanislaw Glemp gegen Kritik in Schutz genommen. "Heute wird über Erzbischof Wielgus ein Gericht gehalten. Was für ein Gericht ist das?! Auf Grund von Papierwischen, Dokumenten die drei mal kopiert wurden?" sagte Glemp während seiner Predigt am Sonntag in der Warschauer Johannes-der-Täufer-Kathedrale. Die in der Kathedrale versammelten Gläubiger reagierten auf diese Worte mit lautem Beifall. Die Messe sollte ursprünglich der feierlichen Amtseinführung von Wielgus dienen, doch warf dieser kurz vor ihrem Beginn das Handtuch.

"Wir wollen solche Gerichte nicht!" setzte Glemp fort und wies darauf hin, dass es in dieser Angelegenheit keine Verteidiger und keine Zeugen gab. "Wo sind heute diejenigen, die damals Menschen erpressten und ihnen drohten?" fragte Kardinal Glemp rhetorisch. Die Vergangenheit sei auch die Domäne Gottes, unterstrich der polnische Primas. Seine Predigt, die oft einer Verteidigerrede glich, beendete er mit dem Vergleich zum Heiligen Petrus, der Jesus betrogen und abgeleugnet hat. Jesus habe aber zu Petrus gesagt: "Geh und hüte meine Schafe!"

Druck der Öffentlichkeit
Die Beobachter, sowohl Geistliche wie Laien, zeigen sich mit dieser Predigt nicht zufrieden. Jesuitenpater Waclaw Oszajca bemerkte im Gespräch mit dem privaten Fernsehen TVN24, dass "die wahre Kirche, also alle Getauften" zu Wort gekommen sei. Dieser Meinung sind auch Soziologen. Es sei ein Präzedenzfall, dass unter dem Druck der Öffentlichkeit die Kirche ihre Entscheidung geändert habe, sagte Jacek Kucharczyk vom Institut für öffentliche Angelegenheiten (ISP).

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