11. Dezember 2007 09:07

AMIS-Prozess 

"Bei Prüfung wären wir in 5 Minuten aufgeflogen"

Die beiden geständigen Angeklagten können sich bis heute nicht erklären, wieso ihnen die Bundeswertpapieraufsicht auf den Betrug nicht draufgekommen ist.

"Bei Prüfung wären wir in 5 Minuten aufgeflogen"
© APA

Die geständigen zwei Hauptangeklagten im AMIS-Prozess, Dietmar Böhmer und Harald Loidl, schilderten am zweiten Prozesstag, am Dienstag, wie das "System AMIS" funktionierte und sie jahrelang Kundengelder unbemerkt von den Aufsichtsbehörden abgezweigt hatten.

"Ich lebte in einer Illusion", meinte der frühere AMIS-Chef Harald Loidl. Die Prüfer der Aufsichtsbehörden hätten nur Kleinigkeiten beanstandet und nie einen Abgleich der Soll- mit den Ist-Ständen der Kundengelder durchgeführt - "dann wäre man in fünf Minuten draufgekommen", erläuterte Böhmer.

Betrug zugegeben
Die beiden AMIS-Gründer Loidl und Böhmer sitzen seit rund zwei Jahren in Haft. Nach ihrer Flucht waren sie Ende November 2005 in Venezuela verhaftet und sechs Monate später nach Österreich ausgeliefert worden. Die Anklage lautet auf schweren gewerbsmäßigen Betrug, die Strafdrohung liegt bei bis zu zehn Jahren Haft. Sie sollen gut 15.000 Anleger um 62 Mio. Euro geprelltt haben. Beide bekennen sich schuldig.

Im Selbstbedienungsladen
Böhmer erklärte dem Schöffengericht die Geschäfte bei AMIS: Bei Sparplänen mit monatlichen Einzahlungen seien im ersten Jahr 50 Prozent der Kundengelder gleich für Provisionen und Firmenzwecke abgebucht worden, in den Folgejahren je 40 Prozent. Die Kunden erhielten aber Depotauszüge, wo der volle Betrag ihres eingezahlten Geldes - mit Zinsen - genannt wurde.

Geworben wurde bei den Kunden dagegen damit, dass überhaupt kein Ausgabeaufschlag - "Null Prozent Agio" - verrechnet wurde.

Als die Luxemburger Finanzaufsicht im Frühling 2004 eingriff, war das der Anfang von einem langsamen Ende der AMIS.

Dolce Vita
Noch im Mai 2005 habe er mit der Finanzmarktaufsicht sprechen wollen, das sei aber nicht zustande gekommen, weil er damals kein Aktionär bei AMIS mehr war, erklärte Loidl. Zu dieser Zeit lebte er in den USA und hatte sich aus dem Tagesgeschäft schon weitgehend zurückgezogen - ein Teil der AMIS-Kundengelder floss aber weiter über Liechtenstein auf sein Konto. Das Geld brauchte er für seinen aufwändigen Lebensstil.

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Strandbar als neues Standbein
Schließlich floh Loidl im Herbst 2005 mit Böhmer nach Venezuela. Dort planten die früheren Finanzmanager noch ein neues Geschäft: Sie wollten eine Strandbar betreiben. Zur Umsetzung der neuen Geschäftsidee kam es jedoch nicht mehr.

Behörde nachlässig
Die Aufsicht hatte die ungerechtfertigten Entnahmen von Kundengeldern jahrelang nicht entdeckt. Bei den stattgefundenen Prüfungen durch die Bundeswertpapieraufsicht und die Finanzmarktaufsicht seien letztlich nur "Kleinigkeiten" beanstandet worden, so Böhmer. Erklären konnte er sich diesen Umstand aber auch nicht.

Gähnende Leere
Der extra für die ersten zwei Wochen des Prozesses angemietete Konferenzsaal im Austria Center Vienna blieb wie am ersten Prozesstag wenig besucht. Besonders die zahlreich erwarteten geschädigten Anleger waren nicht gekommen, von den rund 80 angekündigten Opferanwälten waren nur etwa 20 erschienen.




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