14. Jänner 2008 12:21

BAWAG-Prozess 

Hatte der BAWAG-Vorstand keine Ahnung?

Nur wenn das Management vom finanziellen Desaster bei Refco nichts wusste, sind die späteren Bilanzen in Ordnung.

Hatte der BAWAG-Vorstand keine Ahnung?
© APA

Der BAWAG-Prozess hat nach der Winterpause am Dienstag seine Fortsetzung gefunden. Am 55. Verhandlungstag präsentierte der Sachverständige Thomas Keppert sein letztes Teilgutachten zu den BAWAG-Bilanzen.

Unwissenheit?
Laut Keppert waren die Bank-Bilanzen 2003 und 2004 unter der Bedingung richtig, dass der damalige BAWAG-Vorstand nichts von den Malversationen beim später zusammengebrochenen US-Brokerhaus Refco wusste. Die Bank war seinerzeit an Refco beteiligt. Nur wenn der Vorstand davon nichts gewusst habe, sei verständlich, wieso der Wert der Refco-Beteiligung so hoch angesetzt war.

Oder Verschleierung?
Die BAWAG hielt diese Beteiligung als Sicherheit. Derzeit läuft ein Vorverfahren gegen den BAWAG-Vorstand wegen des Verdachts auf Beihilfe zur Verschleierung der Refco-Verluste. In den USA steht ein Prozess gegen die früheren Refco-Verantwortlichen bevor, weil sie die Bilanzen jahrelang geschönt und Verluste verschleiert haben sollen.

In seinem im November vorgelegten Teilgutachten hatte der Finanzexperte erklärt, dass die BAWAG-Bilanzen von 1998 bis 2002 falsch waren.

ÖGB haftete mit Haut und Haaren
Anfang 2004 bekam die BAWAG zusätzlich zur bestehenden ÖGB-Garantie eine Garantieerklärung der ÖGB Vermögensverwaltungsgesellschaft ÖVV, weil sie allein nicht ausgerreicht hätte.

Der Prozess-Fahrplan

  • Am Mittwoch (16. Jänner) sind ergänzende Fragen an die Angeklagten vorgesehen.
  • Donnerstag und Freitag (17. und 18. Jänner) sind für den Wirtschaftsprüfer Fritz Kleiner "reserviert": Er wird ein Gutachten zur Handelstätigkeit von Wolfgang Flöttl präsentieren. Dabei hat Kleiner die hochriskante, weil mit einem großen Anteil von Fremdfinanzierung durchgeführte Spekulationstätigkeit des Investmentbankers mit BAWAG-Geldern untersucht.
  • Am 21. Jänner wird sich der Schöffensenat wieder mit dem Geldgeschenk auseinandersetzen, das Elsner Ex-Konsum-Generaldirektor Hermann Gerharter nach dessen Darstellung in einer Tasche zukommen ließ. Rund 550.000 Euro sollen so in Elsners Büro den Besitzer gewechselt haben, was der frühere BAWAG-Chef aber abstreitet. Um abzuklären, was damals in den Räumlichkeiten der BAWAG vorgegangen ist, sollen nun mehrere Zeugen angehört werden.
  • Der 23. Jänner steht für weitere Fragen an die Angeklagten sowie allfällige zusätzliche Beweisanträge des Staatsanwalts Georg Krakow und der Verteidigerriege zur Verfügung.
  • Am 24. Jänner muss die dritte Geschäftsführerin der TTA Liechtenstein, Yvonne Nägele, in den Zeugenstand. Sie soll Auskunft geben zu den Stiftungen im Fürstentum. In Sachen Casino Jericho werden der frühere BAWAG-Vorstand und jetzige BAWAG-Vizechef Stephan Koren aussagen sowie Finanzvorstand Josef Leutgeb von den Casinos Austria.
  • Am 28. und 29. Jänner erhalten die Verteidiger Gelegenheit, ihre Fragen an den Sachverständigen Kleiner zu formulieren.
  • Am 30. Jänner kommt der Sachverständige Thomas Keppert noch einmal, um Fragen zu seinen Bilanzgutachten zu beantworten. Dann könnte das Beweisverfahren abgeschlossen werden und die Schlussvorträge von Staatsanwalt und Verteidigung dran kommen. Die Beratung des Schöffensenats über Schuld und Strafe dürfte mehrere Tage dauern.

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Keine Fluchtgefahr
Im Gespräch mit ÖSTERREICH bricht der Investor und Ex-ÖVP-Obmann Josef Taus ­eine Lanze für ihn: "Was Elsner angetan wird, ist nicht in Ordnung." So schmerzt Taus, dass der Ex-Bawag-Chef einsitzt. "Der Mann ist 73 Jahre alt, wurde am Herzen und an der Prostata operiert – wohin soll er fliehen?"

Auch Bundespräsident ­Fischer hat vor einer Vorverurteilung Elsners gewarnt
Doch Taus, der Elsner vor dessen Verhaftung in Südfrankreich besuchte, geht einen Schritt weiter und bietet offen Hilfe an: "Elsner ist in den Dschungel aus Anzeigen, Gutachten und medialen Vorverurteilungen geraten. Da kann einem wahrscheinlich niemand mehr helfen. Aber ich stehe zu ihm. Wenn ich für ihn oder seine Frau etwas tun kann, bin ich bereit“ – so wie auch der Groß-Investor und Elsner- sowie Taus-Partner Martin Schlaff. Er hatte eine Kaution für Elsner bezahlt, um ihm das Gefängnis zu ersparen.

"Mir tut das alles schrecklich leid"
Die Worte seines Weggefährten Taus sind zweifellos Balsam auf die Wunden Elsners, die Vorwürfe der Anklage gegen ihn wiegen deshalb aber nicht minder schwer: Untreue, Bilanzfälschung und schwerer Betrug. Dazu Taus: "Ich kenne ihn genau wie seinen Bawag-Vorgänger Walter Flöttl und seinen Nachfolger Helmut Zwettler als korrekt. Es ist nie etwas anders gelaufen, als bei jeder anderen Bank. Es gab keine Korruption." Nachsatz: "Mir tut das alles schrecklich leid."

Hohes Ross
Woher dann Elsners Rolle als Buhmann der Nation? Er habe sich vielleicht durch unbescheidenes Auftreten Missgunst eingehandelt, deutet Taus an: "Manche Menschen zeigen eben gern, dass sie Generaldirektoren sind."
Detail am Rande: Josef Schwarzecker, einer der acht Bawag-Angeklagten neben Helmut Elsner, ist Aufsichtsrat bei den beiden Taus-Firmen Management Trust Holding und Libro. Taus: "Wegen der Bawag schicken wir ihn nicht weg."




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