11. März 2008 12:18

Über Nacht reicher 

Neuberechnung der Staatsfinanzen in der Türken

Aufgrund einer Neuberechnung der Staatsfinanzen hat die Türkei auf einen Schlag 15 Prozent weniger Schulden, zumindest theoretisch.

Neuberechnung der Staatsfinanzen in der Türken
© Reuters

Welcher Finanzpolitiker träumt nicht davon - auf einen Schlag 30 Prozent mehr Pro-Kopf-Einkommen und 15 Prozent weniger Staatsschulden. In der Türkei ist dieses Kunststück jetzt geglückt, dank einer Neuberechnung der Staatsfinanzen durch das Statistikamt in Ankara. "Wir sind über Nacht reich geworden", meldete eine Zeitung mit ironischem Unterton: Einige Beobachter sehen in den neuen Zahlen eher Schönrechnerei als fundierte Kalkulation.

Doch die neue Berechnungsart vermittelt nach Meinung von Experten ein realistischeres Bild der Lage, auch weil die bisher kaum erfasste Schattenwirtschaft besser berücksichtigt wird. Selbst auf die Beziehungen der Türkei zur EU könnten sich die neuen Zahlen positiv auswirken.

Staatsschulden drastisch gesunken
Nach den neuen Zahlen der Ankaraner Statistiker lag das Pro-Kopf-Einkommen der Türken im Jahr 2006 bei 7.500 US-Dollar (4.889 Euro) - bisher war die Summe mit 5.480 Dollar angegeben worden. In diesem Jahr werden die Türken möglicherweise die psychologisch wichtige Schwelle von 10.000 Dollar beim Jahreseinkommen überschreiten. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Jahr 2006 lag laut Neuberechnung bei 758 Mrd. Dollar (494 Mrd. Euro), und nicht bei 576 Mrd. Dollar, wie bisher angenommen. Die Staatsschulden sanken mit einem Schlag von 63 Prozent des BIP auf 48 Prozent.

Die Hauptgründe für die rosigeren Resultate liegen in neuen Erkenntnissen über die Lage des verarbeitenden Gewerbes, bei dem die Statistiker jetzt von knapp 28.000 Betrieben mit mehr als zehn Beschäftigten ausgehen, statt von 11.000 wie bisher. Gleichzeitig schätzt das Statistikamt die Zahl der Wohnhäuser jetzt auf 19 Millionen, sechs Millionen mehr als bisher. Die neuen Berechnungsmethoden entsprächen den Standards der EU, erklärte das Statistikamt.

Für Normalbürger jedoch keine Veränderung
Trotz der guten Nachrichten aus Ankara ändert sich für den türkischen Normalbürger erst einmal nichts - niemand hat plötzlich mehr Geld in der Tasche. Die Türken seien reicher geworden, ohne etwas davon gemerkt zu haben, sagte der Präsident des Statistikamtes, Ömer Demir. Er verglich die Veränderung mit dem Inkrafttreten eines neuen Gesetzes: Auch dabei ändere sich etwas über Nacht, ohne dass sich jemand darüber wundere.

Zeitungskommentatoren begrüßten die Umstellung als längst überfällig. In einer sich schnell verändernden Volkswirtschaft wie der in der Türkei sei es unhaltbar, sich auf Berechnungsgrundlagen aus den 80er Jahren zu stützen, schrieb der Wirtschaftsexperte Asaf Savas Akat in der Zeitung "Vatan". Der Schritt wird möglicherweise sogar die Noten der Türkei bei den internationalen Rating-Agenturen verbessern, erwarten einige Beobachter. Damit könnte der türkische Staat auf dem internationalen Finanzmarkt künftig Kredite zu besseren Konditionen erhalten.

Für EU-Aufnahme jedoch hilfreich
Auch im Verhältnis zur EU könnten die neuen Angaben für die Türkei von Vorteil sein: Mit einem Pro-Kopf-Einkommen von rund 10.000 Dollar im Jahr kann die Türkei besser als bisher ihren Ruf als hoffnungslos zurückgebliebenes und armes Land am Rande Europas bekämpfen - schließlich stehen die Bürger der EU-Mitglieder Rumänien und Bulgarien im Durchschnitt auch nicht besser da als die Türken.

Dem türkischen Selbstbewusstsein tun die neuen Zahlen schon jetzt gut. "Ab sofort befindet sich die Türkei in der Kategorie der Länder mit einem Nationaleinkommen von mehr als einer halben Billion Dollar", schwärmte die regierungsnahe Zeitung "Zaman". Bei Berücksichtigung der Kaufkraftparität lande die Türkei mit den neuen Zahlen auf Platz 18 in der Liste der stärksten Volkswirtschaften in der Welt, kommentierte das Blatt. Damit hat die Türkei so manchen EU-Staat bereits hinter sich gelassen.




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