04. Juli 2008 20:50

ÖSTERREICH-Interview 

Rewe-Chef: Handel keine Schuld an Verteuerungen

Frank Hensel, Boss der Rewe Group Austria (Billa, Merkur, Penny, Bipa und neuerdings Adeg), wehrt sich gegen den Vorwurf der Preistreiberei.

Rewe-Chef: Handel keine Schuld an Verteuerungen
© APA/Wallentin

ÖSTERREICH: In der Diskussion um die gestiegenen Lebensmittelpreise geben Politiker und Kommentatoren dem Handel die Schuld. Zu Recht?

Frank Hensel: Ich hoffe, dass sich diese hysterische Preisdiskussion bald versachlicht. Denn eines steht fest: Die Österreicher haben im Verhältnis zum Haushaltseinkommen noch nie so wenig Geld für Lebensmittel ausgegeben wie heute. Derzeit machen diese Ausgaben 12 Prozent des durchschnittlichen Haushaltseinkommens aus. In den 50er-Jahren lag der Wert noch bei 50 Prozent.

ÖSTERREICH: Was werfen Sie Politikern vor?

Hensel: Es ist fürchterlich, dass es fünf Prozent der Österreicher finanziell schlecht geht. Aber es ist die Aufgabe der Politiker und nicht die des Handels, diesen Menschen zu helfen. Darum sage ich: Eine Steuerentlastung für die breite Bevölkerung ist 2009 zwingend nötig.

ÖSTERREICH: Tatsache ist aber, dass die Preise steigen. Wer ist denn nun schuld daran?

Hensel: Die Preise werden auch in Zukunft weiter steigen, weil einfach die globale Nachfrage stetig zunimmt. Zudem bleibt unseren Produzenten zum Beispiel auch angesichts der gestiegenen Energiekosten immer wenig Spielraum.

ÖSTERREICH: Wie wollen Sie das Preis-Thema versachlichen?

Hensel: Als vernunftbegabter Mensch muss ich mich fragen, was mir Ernährung wert ist. Eine Umverteilungsdiskussion ist dringend vonnöten. Brauchen wir wirklich drei Handys und drei Urlaubsreisen pro Jahr und beklagen uns gleichzeitig über gestiegene Lebensmittelpreise? Ist es wirklich schlimm, dass man zum Beispiel 1,2 Euro pro Liter Milch ausgibt, wenn man fünf Euro für einen Liter Energy-Drink bezahlt?

ÖSTERREICH: Bleiben wir bei der Milch. Hofer und Spar haben die Milchpreise um sechs Cent angehoben. Sie sind nicht mitgezogen. Warum?

Hensel: Wir haben nicht mitgemacht, weil man die derzeitige Entwicklung den Konsumenten nicht erklären kann. Der Preis, den die Molkereien an die Bauern zahlen, wird niedriger, und gleichzeitig steigt der Verkaufspreis.

ÖSTERREICH: In Deutschland sind die Preise für Lebensmittel niedriger. Warum?

Hensel: Dort gibt es andere Rahmenbedingungen. Der deutsche Markt ist sehr stark vom Diskont geprägt. Die Menschen in Österreich sind zu Recht stolz auf die hohe Qualität ihrer Lebensmittel. Denken Sie nur an unser Bio-Sortiment Ja! Natürlich. Qualität hat eben ihren Preis.




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