24. Jänner 2008 10:13

Frankreich 

Societe-Generale-Skandal: Banker nur Sündenbock?

Der Verlust der Großbank Societe Generale hätte noch größer ausfallen können. Der Makler setzte 50 Mrd. Euro aufs Spiel.

Societe-Generale-Skandal: Banker nur Sündenbock?
© Reuters

Der beispiellose Betrugsverlust von fast fünf Mrd. Euro für die französische Großbank Societe Generale hätte noch weit größer ausfallen können: Der verantwortliche Makler setzte bei seinen Spekulationen mehr als 50 Mrd. Euro aufs Spiel, wie ein Berater von Staatspräsident Nicolas Sarkozy am Freitag sagte. Der Betrag überstieg den Börsenwert der Traditionsbank um rund 15 Mrd. Euro.

Ein SG-Mitarbeiter bestätigte am Freitag, das Volumen der Positionen habe sich auf "mehrere zehn Mrd. Euro" summiert. Sarkozy-Berater Raymond Soubie nannte im Sender LCI eine Zahl von mehr als 50 Milliarden, was fast dem gesamten Bruttoinlandsprodukt der Slowakei entspricht.

Zweifel am Einzeltäter
In der Affäre um den Milliardenbetrug bei der französischen Großbank Societe Generale verdichten sich die Zweifel daran, dass eine einzige Person das zweitgrößte Geldinstitut Frankreichs in eine Krise gestürzt habe. "Dieser Händler scheint mir nur ein Sündenbock zu sein", sagte Alain Crouzat, Präsident der Wertpapiergesellschaft Montsegur Finance in der Freitagausgabe des "Le Parisien".

Kritik
Kritik am Management und am Kontrollverfahren äußerte auch die französische Tagezeitung "Liberation", die in ihrem Kommentar schrieb: "Ein Schuldiger wurde gefunden, doch wer sind die Verantwortlichen?" Nach der Version der Societe Generale soll der 31-jährige Aktienhändler Jerôme Kerviel mit betrügerischen Scheingeschäften und Milliardenspekulationen der Bank einen Verlust von 4,9 Mrd. Euro zugefügt haben.

Anomalien hätten auffallen müssen
Viele Fachleute sind der Meinung, dass eine solche Summe nicht einer Einzelperson angelastet werden kann und stellen das Sicherheit-und Kontrollsystem in Fragen. "Diese Anomalie hätte doch auffallen müssen. Man muss sich fragen was die Hunderte von Kontrolleuren der Societe Generale eigentlich machen?", sagte der Präsident der Wertpapiergesellschaft Montsegur Finance weiter. Für Philippe Citerne, Vizechef der Societe Generale, handelt es sich um einen "nicht zu erklärenden Akt der Böswilligkeit".

Rücktritt abgelehnt
Der Handel mit Aktien der Bank wurde am Donnerstag vorübergehend ausgesetzt, und Vorstandschef Daniel Bouton bot seinen Rücktritt an, was der Verwaltungsrat aber umgehend ablehnt. Bankexperten reagierten mit Kopfschütteln auf die Enthüllungen.

Durch den Betrug und die Abschreibungen sinkt der Jahresgewinn der Bank auf nur noch auf 600 bis 800 Mio. Euro vor Steuer, wie die Societe Generale mitteilte. Im Vorjahr waren es noch 5,22 Mrd. Euro. In den kommenden Wochen braucht die Bank 5,5 Mrd. Euro an frischem Kapital.

Sicherheitssysteme gekannt
Bei dem Börsenhändler handelt es sich nach Angaben der Bank um einen Franzosen im Alter zwischen 30 und 40 Jahren. Er habe vermutlich alleine gehandelt und die Sicherheitssysteme sehr gut gekannt, die er mit Scheintransaktionen ausgetrickst habe, erklärte die Bank. Der Mann wurde entlassen, und auch seine Vorgesetzten sollen ihren Hut nehmen. Die Verschleierung der Geschäfte sei "extrem ausgefeilt und durchdacht" gewesen, sagte Vorstandschef Bouton.

Der geständige Broker mit einem Jahreseinkommen unter 100.000 Euro hat offenbar nicht direkt von seinen Betrügereien profitiert. Vizechef Philippe Citerne sprach von einem "nicht zu erklärenden Akt der Böswilligkeit". Der Mann arbeitete seit 2000 für die Bank und handelte mit Future-Geschäften, mit denen im Grunde genommen auf künftige Marktentwicklungen gewettet wird. Den Stein ins Rollen brachte offenbar das jüngste Börsenbeben, das den Mann zwang, unbezahlte Positionen zu decken. Am vergangenen Wochenende kam ihm dann die Bank auf die Schliche.

"Möglicherweise den Verstand verloren"
Der Börsenhändler Jerome Kerviel, der die französische Großbank Société Générale (SG) angeblich durch seinen spektakulären Betrug in die tiefste Krise ihrer Geschichte geführt hat, soll familiäre Probleme gehabt haben. Das berichteten Gewerkschaftsvertreter am Donnerstag nach einer Unterrichtung über den Vorfall durch das Management. Der Händler habe "möglicherweise etwas den Verstand verloren", sagte einer der Arbeitnehmervertreter, Alain Treviglio, von der Gewerkschaft CFDT.

Nicht auf der Flucht
Der 31-Jährige ist entgegen anderslautenden Berichten nicht auf der Flucht. Er stehe den Behörden zur Verfügung, sagte sein Anwalt am Donnerstag in Paris.

Leeson-Betrug in Schatten gestellt
Der Betrug stellt den Skandal um den Broker Nick Leeson, der die britische Bank Barings 1995 in den Ruin trieb, bei weitem in den Schatten. Leeson hatte bei Termingeschäften 860 Mio. Pfund verzockt.

Experten schüttelten den Kopf über die Vorgänge bei Societe Generale. Es sei erstaunlich, dass Derartiges 13 Jahre nach dem Fall Barings wieder möglich gewesen sei, erklärte der Analyst Axel Pierron von der Unternehmensberatung Celent. Der Betrug zeige, dass Banken trotz modernen Risikomanagements weiterhin in Gefahr seien, von findigen Mitarbeitern ausgetrickst zu werden.

Gilles Glicenstein, Chef der Vermögensverwaltung bei der größten französischen Bank BMP Paribas, erklärte, der Fall lasse alle Banken in einem schlechten Licht dastehen. Die Banken erlebten derzeit eine problematische Zeit, und "es sind solche Zeiten, die so schwerwiegende Dinge geschehen lassen".

Es handelt sich aber nicht um den größten Betrug bei einer Bank in der Wirtschaftsgeschichte. Betrügereien, die 1991 zum Zusammenbruch der Bank BCCI mit Sitz in London, Luxemburg und auf den Cayman-Inseln führten, hatten einen Umfang von damals über zehn Mrd. Dollar (heute 6,8 Mrd. Euro).

Milliardenbetrug nicht überraschend
Der jetzige Milliardenbetrug überrascht den einstigen Börsen-Händler Nick Leeson nicht. Leeson sagte der "Frankfurter Rundschau", in der Finanzwelt sei die Risikokontrolle nicht genügend ausgebaut. Deshalb könnten auch große Fälle wie seiner oder der bei der französischen Großbank jederzeit passieren.

"Aber von zahlreichen Betrugsfällen erfahren wir nichts, weil die Banken für gewöhnlich alles unternehmen, dass nichts an die Öffentlichkeit gelangt", sagt Leeson, der wegen Betrugs zu sechseinhalb Jahren Haft verurteilt worden war. Auch heute noch schenkten Großbanken ihren Händlern blindes Vertrauen und investierten enorme Summen in Märkte, die sie gar nicht hinreichend bewerten könnten.




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