14. April 2008 17:27

Bilanz verhagelt 

Viertgrößte US-Bank im Sog der Finanzkrise

Die US-Finanzkrise zieht weitere Kreise. Das viertgrößte US-Geldinstitut verbuch Verlust: Wachovia schreibt 393 Mio Dollar ab.

Viertgrößte US-Bank im Sog der Finanzkrise
© AP

Finanzkrise trifft Wachovia
Die Hypothekenkrise hat der viertgrößten US-Bank Wachovia überraschend deutlich die Bilanz verhagelt. Im ersten Quartal habe das Institut einen Verlust verbucht, teilte die Bank am Montag mit. Analysten hatten trotz der Belastungen infolge der Kreditkrise mit einem Gewinn gerechnet. Die in Charlotte im Bundesstaat North Carolina ansässige Bank will nun mit einer Kürzung der Dividende und einer Kapitalaufstockung ihre finanzielle Lage stabilisieren. Zudem ist ein Stellenabbau geplant.

Der Aktienkurs von Wachovia fiel nach Börsenbeginn in New York um fast neun Prozent. Der Quartalsverlust habe einschließlich Sonderposten 393 Mio. Dollar (248 Mio. Euro) oder 20 Cent je Aktie betragen, teilte Wachovia mit. Ohne Sonderposten habe der Verlust bei 270 Mio. Dollar oder 14 Cent je Aktie gelegen. Zudem gab die Bank den Nettoverlust vor Berücksichtigung der Anteile Dritter mit 350 Mio. Dollar an. Die Einnahmen bezifferte das Institut in dem Vierteljahr mit 7,9 Mrd. Dollar, was einem Minus von fünf Prozent gegenüber dem ersten Quartal 2007 entspricht.

Weitere Banken veröffentlichen Zahlen
Weltweit öffnen die Banken ab jetzt wieder ihre Bücher und legen Zahlen für das Auftaktquartal 2008 vor. Erste Warnungen lassen erahnen, dass das viel beschworene Ende der Krise noch weit entfernt ist: Die Deutsche Bank und die Schweizer UBS kündigten bereits neue Milliardenabschreibungen an. Und bei den US-Häusern überschlagen sich die Verlustschätzungen fast täglich. "Der Liquiditätsschock im Markt ist noch lange nicht behoben", sagt der Frankfurter Bankenprofessor Thomas Heidorn.

Prominente Banken legen Zahlen vor
 Traditionell decken die US-Banken ihre Karten zuerst auf, gut ein halbes Dutzend noch in dieser Woche mit so prominente Namen wie Citigroup, J.P. Morgan Chase und Merrill Lynch. Die nach ihrer Fast-Pleite vor der Übernahme stehende Investmentbank Bear Stearns sollte noch im Lauf des Montags einen massiven Gewinneinbruch bekanntgeben.

  Die höchsten neuen Berichtigungen befürchten Analysten für die heftig gebeutelte Citigroup mit nochmals weit über zehn Mrd. Dollar (6,3 Mrd. Euro). Der neue Konzernchef Vikram Pandit stellt alles auf den Prüfstand. Selbst die Citibank in Deutschland könnte laut Gerüchten zum Verkauf stehen. Auch unter dem Strich erwarten Experten bei Citigroup und manch anderen Häusern erneut rote Zahlen.

 J.P. Morgan überrascht mit guten Zalen
 Nur die Großbank J.P. Morgan sticht bisher positiv heraus. Sie ging mit dem Kauf von Bear Stearns auf Schnäppchenjagd und hält nach weiterer Beute Ausschau. So rettete sich die größte US-Sparkasse Washington Mutual eben mit einer Milliarden-Kapitalspritze vor einer drohenden Übernahme durch J.P. Morgan. Der Bedarf der Banken an solch frischem Geld ist weltweit nach wie vor enorm. Rund 140 Mrd. Dollar könnten die Institute noch brauchen, schätzt Credit Suisse, nach etwa 160 Mrd. Dollar durch neue Investoren bisher.

Kritiker schimpfen immer schärfer über "Salamitaktik" und "Vertrauensbruch", weil die Probleme nur häppchenweise an die Öffentlichkeit kommen. Zwar rechnen die Märkte bereits mit neuen Lasten und reagieren weniger panisch als zu Beginn der Krise. Aber viele werfen den Banken vor, Verluste zu verstecken, statt ein für alle Mal reinen Tisch zu machen. Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann widersprach als Präsident des internationalen Bankenverbands IIF zuletzt heftig und verwies auf entsprechende Bilanzregeln.

Faule US-Hauskredite
 Das Problem: Banken müssen ihre Vermögenswerte zu aktuellen Kursen bewerten ("Mark-to-Market"). Da der Markt für zweitklassige US-Hauskredite ("Subprime") zusammenbrach und die Krise nach und nach nun auch höherwertige Anlageklassen erfasst, wurden immer mehr Papiere unverkäuflich. "Abschreibungen, die zu früheren Zeitpunkten nicht notwendig waren, werden dadurch erst schrittweise erkannt", betonte Ackermann. Bestes Beispiel ist sein eigenes Haus: Die Deutsche Bank hatte die Krise Ende 2007 bereits weitgehend abgehakt - dann musste sie für das erste Quartal 2,5 Mrd. Euro neue Lasten ankündigen - mehr als im ganzen letzten Jahr. "Es ist definitiv so, dass die Portfolios in den letzten drei Monaten weniger wert geworden sind", unterstreicht auch Experte Heidorn.

Soros: Eine "Superblase" platzt
Genauso schrittweise klettern die Schätzungen für das gesamte Ausmaß der Krise. Jüngste Hausnummer des Internationalen Währungsfonds (IWF): Die Turbulenzen werden die Wirtschaft rund eine Billion US-Dollar kosten - in Zahlen: 1,000.000,000.000. Und wann ist der Schrecken vorbei? Goldman-Sachs-Chef Lloyd Blankfein sieht mehr als die Hälfte überstanden: "Wir sind dem Ende der Krise näher als dem Anfang." Der legendäre Finanzjongleur George Soros aber spricht vom Platzen einer "Superblase" und erwartet das Schlimmste erst noch.

 In der Branche wird auf der Suche nach den Schuldigen unterdessen der Ruf nach einer Änderung der Bilanzregeln weg von "Mark-to-Market" zumindest in Krisenzeiten immer lauter. Der Präsident des Bundesverbandes deutscher Banken, Klaus-Peter Müller, reihte sich unter die Befürworter ebenso ein wie Bundesbank-Vize Franz-Christoph Zeitler. Auch Bankenprofessor Heidorn nennt die Form der Bilanzierung destabilisierend. Auf der anderen Seite könnte den Banken nach der Krise das "Mark-to-Market"-Prinzip wieder ganz recht sein. "Dann werden Institute, die jetzt Abschreibungen vornehmen mussten, kräftige Zuschreibungen verbuchen - und die Gewinne könnten wieder sprudeln", sagt der Frankfurter Bankenprofessor Reinhard Schmidt. Spätestens dann dürften sich die Institute auch wieder auf die Vorlage ihrer Quartalszahlen freuen.




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