09. September 2008 17:10
Die Wissenschafter am Europäischen Zentrum für Teilchenphysik CERN schickten
erfolgreich den ersten Strahl aus Atomkernen durch den fast 27 Kilometer
langen Teilchenbeschleuniger LHC. In der Supermaschine sollen künftig fast
lichtschnelle Atomkerne kontrolliert zusammenstoßen, um fundamentale Fragen
der Physik zu beantworten: Was geschah beim Urknall? Woraus besteht das
Universum? Woher kommt die Masse? Und wo ist die Antimaterie? Die
Vorbereitungen für den LHC (Large Hadron Collider), der den Spitznamen "Weltmaschine"
bekam, laufen seit 25 Jahren.
"Es ist ein fantastischer Moment", sagte Projektleiter Lyn Evans,
der im CERN-Kontrollzentrum den Startschuss für die ersten schnellen
Atomkerne (Protonen) gegeben hatte. "Wir können nun eine neue Ära im
Verständnis des Beginns und der Entwicklung des Universums erwarten."
Exakt um 9.33 Uhr hatte es erstmals auf einem der Kontrollschirme geblitzt:
Evans konnte melden, dass der Protonenstrahl erfolgreich die ersten drei der
insgesamt 26,7 Kilometer langen, mit starken Magneten bestückten Vakuumröhre
durchquert habe.
Jubel im Kontrollzentrum
Schrittweise wurde der Strahl danach
in die acht Sektoren des Ringbeschleunigers geschossen. Um 10.28 Uhr brach
wie bei einem gelungenen Raketenstart Jubel im Kontrollzentrum aus. Zwei
Blitze auf einem Bildschirm kündeten davon, dass der Protonenstrahl erstmals
durch die gesamte Röhre gerast war. Evans war begeistert von dem Tempo, mit
dem dieser Schritt glückte - die Experten hatten mit mehreren Stunden
gerechnet.
"Man könnte sagen: Das ist ein kleiner Schritt für ein Proton, aber
ein großer Sprung für die Menschheit", sagte sein
Physikerkollege Nigel Lockyer vom TRIUMF-Laboratorium in Kanada in Anlehnung
an Neil Armstrongs Spruch beim Betreten des Mondes.
Verschwindet unsere Erde?
Gegner des Experiments fürchten, dass
der Beschleuniger kleine Schwarze Löcher erzeugen könnte, in denen nicht nur
Genf, sondern später auch die gesamte Erde verschwindet. Die Physiker haben
dies als unberechtigte Befürchtung zurückgewiesen, da Experimente wie am LHC
nur nachstellen, was in der Natur ständig in weitaus größerem Ausmaße
geschieht, ohne dass dies Folgen für die Erde hätte.
Keine Schwarzen Löcher zu befürchten
Forscher halten
es für ausgeschlossen, dass die Anlage Schwarze Löcher erzeugen könnte, die
die Erde verschlucken. Entsprechende Befürchtungen bezeichneten sie als "absurd".
Der derzeitige CERN-Generaldirektor Robert Aymar sprach von einem großen Tag
für das Europäische Laboratorium. "Der LHC ist eine
Entdeckermaschine", sagte Aymar. Das Forschungsprogramm setze "eine
Tradition der menschlichen Neugier fort, die so alt ist wie die Menschheit
selbst". Die Forscher hoffen, dank des LHC in den nächsten 15 Jahren
bahnbrechende neue Einblicke in die Physik zu bekommen. "Das ist ein
historischer Moment", sagte auch der designierte CERN-Generaldirektor
Rolf-Dieter Heuer. "Ich bin schlichtweg begeistert."
Größte, je von Menschen erbaute Maschine
Der
Teilchenbeschleuniger verläuft 100 Meter unter der Erde im Grenzgebiet
Frankreichs und der Schweiz, die Planungen für das Projekt liefen seit 1983.
Der "Large Hadron Collider" (großer Hadronen-Speicherring) ist
nach CERN-Angaben die größte Maschine, die Menschen je gebaut haben. Dem
Forschungszentrum zufolge hat der Bau des Ringbeschleunigers alleine rund
drei Milliarden Euro gekostet.
Der französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy, der auch
EU-Ratsvorsitzender ist, sprach in Paris von einem "sehr großen Erfolg
für Europa, das seine weltweite Führung in wichtigen Bereichen der
Wissenschaft zeigt, wenn es seine Bemühungen und besten Kompetenzen
zusammenzuführen versteht". Auch Bundesforschungsministerin
Annette Schavan (CDU) betonte in einem Grußwort, das CERN sei ein gutes
Beispiel für die Internationalität der Forschung. Der LHC führe die Suche
nach den Anfängen des Universums "zu einem neuen Höhepunkt".
Mit ersten Ergebnissen der gigantischen Wissenschaftsmaschine ist allerdings
frühestens im nächsten Jahr zu rechnen. Die Inbetriebnahme der Anlage musste
mehrfach um etliche Monate verschoben werden.
|
Die fünf wichtigsten Fragen zum Experiment
Was genau passiert im Teilchenbeschleuniger? In bis zu 175
Meter Tiefe werden zwei Protonen-strahlen durch einen 27 Kilometer
langen Tunnel gelenkt. Sie kollidieren mit Lichtgeschwindigkeit. Durch
den Aufprall wird künstlich ein Urknall (die Entstehung unseres
Universums) nachgestellt.
Wonach suchen die Wissenschafter mit dieser Versuchsreihe? Die
Experten suchen nach den letzten Antworten zur Entstehung der Erde.
Sie suchen etwa nach dem „Gottesteilchen“. Dieses löst unter anderem
das Rätsel um das Phänomen der physikalischen Masse.
Welche Rolle spielen Österreichs Forscher? Viele
führende Forscher aus Österreich waren beteiligt. Etwa die Universität
Innsbruck und die Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW)
entsandten ihre Experten in die Schweiz. Anfangs waren von der ÖAW 30
Wissenschaftler beteiligt, jetzt sind immer noch 10 in Genf.
Wie aufwendig waren die Vorbereitungen? Seit 25 Jahren
planen die Experten den Nachbau des Urknalls. Seit sieben Jahren wird
an der unterirdischen Anlage in der Schweiz gebaut. Das Tunnelsystem
ist so schwer wie der Eiffelturm. Die Kosten belaufen sich auf
ungefähr drei Milliarden Euro. Alleine der Strom frisst pro Jahr
weitere 19 Millionen Euro.
Wie gefährlich ist das Experiment, und können dadurch schwarze
Löcher entstehen? Vor einigen Tagen schlugen
Chaosforscher Alarm: Durch das Experiment sei die Erde bedroht und
könnte in einem künstlich erzeugten schwarzen Loch verschwinden. Die
Wissenschaftler geben jetzt Entwarnung: „Hier glaubt niemand, dass wir
schwarze Löcher erzeugen könnten, und selbst wenn, würden sie in
kürzester Zeit wieder in sich zusammenfallen“, erklärt Forscher
Wolfgang Adam.
|
Foto: (c) ApA