So wohnen die Österreicher 2019

Runder Tisch zu Trends im Wohnbau

So wohnen die Österreicher 2019

Wien wächst, gleichzeitig werden mehr Wohnungen gebaut und die neue Wiener Bauordnung soll weiteres Bauland für den leistbaren Wohnbau mobilisieren. Wird Wohnen 2019 teurer oder billiger? Am runden Tisch von ÖSTERREICH diskutierten Wohnbaustadträtin Kathrin Gaál, Gemeinnützigen-Obmann Karl Wurm, IGPI-Obmann Hans Jörg Ulreich sowie Buwog-GF Andreas Holler. Außerdem Zima-Geschäftsführer Thomas Thaler, AC-Wohnen-GF Reinhard Pacejka, Aira-Chef Roman Ascherov und DWK-GF Roland Pichler. Auch dabei: Glorit-GF Stefan Messar, Grossmann-Prokurist Daniel Walter, Gesiba-Chef Ewald Kirschner, ÖSW-Chef Michael Pech, Familienwohnbau-GF Bernhard Raffelsberger, EHL-GF Sandra Bauernfeind, Rustler-GF Alexander Scheuch und Sedlak-GF Elmar Hagmann.

Die große ÖSTERREICH-Diskussion der Bauprofis am Runden Tisch

Was wird das Jahr 2019 bei den Wohnungen bringen - für die Konsumenten und für die Wohnbaubranche?

Kathrin Gaal. Ich bin mir sicher, 2019 wird ein sehr gutes Jahr für den Wiener Wohnbau. Die Stadt und ich als Wohnbaustadträtin werden uns weiterhin mit aller Kraft dafür einsetzen, allen Wienerinnen und Wiener leistbares und lebenswertes Wohnen zu ermöglichen. Bereits heute leben rund zwei Drittel aller Haushalte in geförderten Wohnungen. Und diese Erfolgsgeschichte wird fortgeschrieben. So sind etwa bis 2020 rund 14.000 weitere geförderte Wohnungen auf dem Weg. Wien investiert jedes Jahr viele Millionen Euro in den Neubau und die Sanierung von bestehen Wohneinheiten, das ist nahezu einzigartig in Europa. Und wir haben auch noch Flächenreserven von 2,8 Millionen Quadratmetern, um leistbaren Wohnraum zu schaffen. Ein ganz tolles Projekt, das ich gerade erst jüngst präsentieren durfte, ist etwa das Stadtquartier in der Wolfganggasse, in der Remise der ehemaligen Badnerbahn in Meidling. Dort werden rund 850 geförderte Wohnungen, darunter auch neue Gemeindewohnungen, entstehen. Das alles stimmt mich sehr positiv für die Zukunft.

Was plant der Verband der gemeinnützigen Wohnbauwirtschaft?

Karl Wurm :Der Stellenwert, den das Wohnen in Wien hat, ist schon angesprochen worden. Man bekennt sich zum sozialen Wohnbau und kämpft immer wieder darum, denn es tritt immer wieder etwas auf, das es uns schwer macht – so wie jetzt aktuell die hohen Grundstückspreise. Da ist die Symbiose der gemeinnützigen Wohnungswirtschaft mit der Stadt eine Super-Sache. Das ist das Feld, auf dem der Wohnbau, für den wir international jetzt bewundert werden, wachsen und gedeihen kann.

Wien ist in den letzten 15 Jahren um die Einwohnerzahl der Stadt Graz gewachsen. Die privaten Wohnbauträger – hier repräsentiert durch die IGPI – tragen dazu bei, dass in Wien eben nicht eine extreme Wohnungsknappheit entstanden ist. Wie wird es 2019 weitergehen?

Hans Jörg Ulreich: Wien wächst zwar nicht mehr ganz so stark, aber immer noch sehr stark. Die private Immobilienwirtschaft ist die klare Nummer eins: Wir bauen 75% aller Wohnungen. Und wenn man sich von Seiten der Politik nicht ständig einmischen würde, dann hätten wir in den nächsten drei bis vier Jahren den Überhang gedeckt.  Der Wohnungsmarkt funktioniert. Das angebotsseitige Wohnproblem – also dass ausreichend neue Wohnungen auf den Markt kommen – hätten wir in wenigen Jahren gelöst, wenn man uns bauen lässt. Uns als Marktführer politisch als Partner zu sehen statt uns ständig als Spekulanten oder Miethaie abzutun, wäre schon einmal ein guter Neujahrsvorsatz für die Politik.

Menschen wollen kurzen Weg ins Büro, aber trotzdem grüne Wohnlage

Herr Thaler, sie sind als Unternehmer kürzlich von Vorarlberg nach Wien übersiedelt. Was macht den Wiener Markt so spannend?

Thomas Thaler: Spannend ist die Urbanisierung. Nicht nur in Wien, sondern auch in anderen Städten. ZIMA ist mittlerweile auch in München und der Ostschweiz tätig. Was wir sehen ist, dass Urbanisierung stattfindet. Die Gründe, warum die Menschen in die Städte ziehen, sind die kurzen Wege, zum Arbeitsplatz, Einkaufen, etc. Dennoch wollen sie eine ruhige und grüne Lage haben. Und genau das ist der Knackpunkt. Da haben wir in Wien als neuer Bauträger am Markt angesetzt. Wir haben unser erstes Projekt hier verkauft, mit 370 Wohneinheiten. Das ist genau das, was wir anbieten wollen: Ruhige grüne Lage, aber kurze Wege.

RunderTisch2.jpg © Artner   Von links: Ruben Wasicky, ÖSTERREICH; Elmar Hagmann, Sedlak; Alexander Scheuch, Rustler Immobilientreuhand; Sandra Bauernfeind, EHL; Bernhard Raffelsberger, Familienwohnbau; Michael Pech, ÖSW; Ewald Kirschner, Gesiba; Karl Wurm, GBV

Andreas Holler: Die Buwog stellt nächstes Jahr um die 1200 Einheiten fertig, wir sind also sicher der aktivste private Bauträger. Wobei sich aus meiner Sicht jetzt kurzfristig nächstes Jahr nichts ändern wird. Es wird gebaut, gleichzeitig beschäftigt uns alle wie man die Baukosten bewältigt. Wir haben das Thema Baulandmobilisierung. Da sind wir gespannt, ob die Novelle der Bauordnung etwas bewirken wird. Die Angebotslücke am Markt wird jetzt abgebaut, dieses Jahr wird zum zweiten Mal in Folge mehr gebaut, als der Zuzug in Wien Bedarf schafft. Jedenfalls wenn man einen Haushalt mit zwei Personen nimmt, wird ungefähr der Bedarf gedeckt. Wir sind in Partnerschaften mit  gemeinnützigen und privaten Bauträgern, wo wir gut zusammenarbeiten und weitere Projekte starten. Ein weiteres Thema ist die Nachverdichtung, sowohl was Widmungen betrifft wie auch die Thematik, dass wir in die Höhe nachverdichten. Der Marina Tower ist ein solches Projekt – es ist einer der höchsten Türme, der in Wien gebaut wird. Die Akzeptanz steigt, dass Menschen in Wien in Türmen wohnen.

Herr Pacejka, sie sind Spezialist für den Speckgürtel am Stadtrand. Welchen Diskussionsbedarf sehen Sie bei Infrastruktur und Anbindungen?

Reinhard Pacejka: Mein Spezialgebiet ist NÖ Nordost, wir bauen etwa in Gänserndorf und Gerasdorf. Für uns sind einmal die schon angesprochenen Baukosten wichtig. Im Speckgürtel ist es so, dass wir sehr vom Wachstum von Wien profitieren und auch versuchen zu helfen, die Angebotslücke zu schließen. Wir haben Projekte, wo wir sehr eng mit der lokalen Politik zusammenarbeiten und versuchen den Bedarf an öffentlichen  Einrichtungen (Kindergärten, Büroflächen) abzudecken. Es ist immer wieder schön zu sehen, wie gut und eng man hier kooperieren kann und dass man gemeinsam Projekte auf Augenhöhe umsetzen kann.

Die AIRA ist stark in der Donaustadt tätig?

Roman Ascherov: Wir werden bis 2020 allein um die 320 Wohneinheiten bauen, im 21. und auch im 22. Bezirk. Alle Projekte bewegen sich dabei in einer Größenordnung zwischen 36 und 100 Wohneinheiten. Besonders für Kleinfamilien, zum anderen gibt es auch Projekte für Anleger. Auch in Graz sind wir aktiv.

In Wien wird die innerstädtische Verdichtung vorangetrieben

Roland Pichler: Die Wohnkompanie wird nächstes Jahr rund 400 Wohnungen in den Bau bringen. Wir sind vor allem im 20. und 21. Bezirk tätig. Generell entwickeln wir in allen Flächenwachstumsbereichen Wiens. Wir suchen auch Projekte, um die innerstädtische Verdichtung voranzutreiben, tun uns in der Akquisition in den großen Flächenwachstumsgebieten aber leichter. Wir haben auch Kooperationen mit gemeinnützigen Wohnbauträgern und haben uns an die Baulandschaffung herangewagt. Ich hoffe, auch wenn ich da kein akutes Problem bei mir im Unternehmen sehe, dass es eine vernünftige Übergangslösung gibt, dass mit investierten Geldern sorgsam umgegangen wird. Das Thema der Baukosten trifft uns alle.

Herr Messar, sie sind im freifinanzierten Wohnbereich sehr stark. Wie sehen sie die Zukunft?

Stefan Messar: Glorit macht keinen geförderten Wohnbau, was aber auch daran liegt, dass wir in erster Linie Häuser bauen. Das sind derzeit ungefähr 85 Objekte, verteilt auf 20 bis 25 Projekte. Dazu kommen 6 bis 7 Wohnbauprojekte. Die Grundstückspreise sind eher im Steigen begriffen, dadurch mag es interessant sein, sich an den Stadtrand oder nach NÖ hinauszubewegen. Das zweite, ist, dass die Baukosten steigen. Wir haben eine sehr große eigene Produktion, die forcieren wir auch. Wenn der Trend anhält, werden wir auch in Zukunft die Wohnbauten eher selbst errichten als vergeben. Sonst ist es einfach für die Kunden nicht mehr finanzierbar. Das ist ein großes Thema, wenn die Baukosten um 20-30% steigen. Ich mit einer eigenen Baufirma kann das ehrlich gesagt nicht ansatzweise nachvollziehen, weil sich weder die Materialien noch die Löhne so verteuert haben. Prinzipiell sind für uns der 21. und 22. Bezirk bis nach Aspern ein sehr gutes Einzugsgebiet. Was nicht passt, ist das Verkehrskonzept. Die Geschwindigkeit des Wohnbaus ist größer als die Entwicklung des Verkehrskonzepts. Es wäre für das Gesamtbild sehr wesentlich, dass man hier Schritte setzt. Sonst bin ich im Großen und Ganzen zufrieden und es wird auch 2019, glaube ich, ein gutes Jahr.

Was sind die Schwerpunkte von Grossmann Immobilien im nächsten Jahr?

Daniel Walter: Grundsätzlich muss ich mich meinen Vorrednern anschließen. Ich sehe es genauso: Steigende Baukosten, steigende Grundstückspreise, konstante Nachfrage. Wir stützen uns auf drei verschiedene Projektkategorien. Da sind einmal der Luxusbereich und Luxusvillen in Toplagen. Dazu haben wir im mittleren Preissegment das klassische Verdichtungsgeschäft im Zinshausbereich, wo wir uns aber auch inzwischen eher in Richtung Leistbarkeit orientieren. Und als dritte Kategorie sind wir ins Umland ausgewichen, nach Schwechat, was uns dabei hilft, die hohen Baukosten abzufedern. Wir entwickeln hier gerade in unterschiedlichen Projektphasen knapp 300 Wohnungen und schätzen, dass Schwechat sehr gut an Wien angebunden ist und eine sehr gute Infrastruktur anbietet. Nahversorger, Schulen, etc. sind da. In Wien ist es für uns schwierig, wirklich leistbaren Wohnbau zu schaffen.

Viele private Bauträger sind aktiv - auch wegen günstiger Zinsen und Anlagemöglichkeiten

Stichwort leistbarer Wohnbau, die Gesiba hat sich dem verschrieben. Was wird 2019 passieren?

Ewald Kirschner: Die Gesiba hat sich dem leistbaren Wohnbau zu 100% verschrieben. Wir haben gute Kooperationen, da sind einige Kollegen aus dem gewerblichen Bererich dabei. Wir haben jetzt 1200 Wohnungen im Bau, außerdem eine Schule und drei Kindergärten, und die nächsten 1000 Wohnungen sind in Planung für das nächste Jahr. Unsere Schwerpunkte setzen wir bei den Gemeindewohnungen Neu, dem Handelskai mit 330 Wohnungen sowie dem Eisring Süd, wo wir mit Branchenkollegen 150 Wohneinheiten entwickeln - ein umfangreiches Programm. Ein weiteres Thema ist das betreubare Wohnen für ältere Menschen.  Hier arbeiten wir mit Caritas, Fortuna, Samariterbund zusammen. Bei den Baupreisen ist keine Entspannung in Sicht. Auch das Thema Grundpreise bemerken wir und werden da wieder ein verlässlicher Partner für die Stadt sein. In Zeiten, als wenig gebaut wurde, waren es gerade die gemeinnützigen Wohnbauträger, die aktiv waren. Dass momentan so viele private Bauträger aktiv sind, hängt auch mit der Zinsenlandschaft zusammen und den Anlagemöglichkeiten. Das wurde ausgelöst durch die Finanzkrise. Die zweite Tatsache ist der Zuzug zu den Ballungsräumen, egal ob Wien, Salzburg, etc. Wir haben viele internationale Gäste, die nur staunen was wir im förderbaren Bereich schaffen. Die Mischung mit dem privaten Wohnbau ist ganz wichtig, damit wir auch Durchmischung in den Stadtteilen haben.

Pech: Zur Stadtentwicklung ist zu sagen, dass sie nach neuesten Studien ein bißchen eingebremst wurde. Wir erwarten die zwei Millionen Einwohner jetzt 2027, etwas später als wie bisher angenommen 2023/24. Von 2014 bis 2027 werden wir aber tatsächlich sozusagen die Stadt Graz in Wien neu gebaut haben – immerhin die zweitgrößte Stadt in Österreich. Das ist schon eine Aufgabe, die wir da gemeinsam stemmen. Wir haben als gemeinnützige ca. 10.000 Wohnungen im Bau und auch was nächstes Jahr betrifft, ist mit ca. 10.000 Wohneinheiten eine gute Kapazitätsauslastung gewährleistet. Dass es derzeit mehr frei finanzierten Wohnbau gibt, nämlich ungefähr ein Anteil von zwei Dritteln, ist richtig. Ich denke, dass dieses hohe Volumen jetzt gut ist, aber in zwei bis drei Jahren die Lücke, die derzeit am Markt besteht, gefüllt sein wird. Wir glauben, dass die Kapazitäten am Markt dann ein bißchen angepasst werden müssen, weil wir derzeit eine überhitzte Situation am Bau haben. Wir selbst haben heuer ein All-Time-High, mit 1940 in Bau befindlichen Wohneinheiten. 500 haben wir schon fertiggestellt. Ich glaube, dass wir in der Kooperation von gewerblichen und gemeinnützige Wohnbauträgern eine gute Zukunft für die Stadt und für den leistbaren Wohnraum haben werden.

Am freien Markt eine gewidmete Liegenschaft zum förderbaren Preis zu kaufen, ist an und für sich undenkbar

Bernhard Raffelsberger: Auch wir haben sehr viel gebaut und zuletzt 400 bis 500 Wohnungen übergeben, allerdings freifinanziert – weil es die förderbaren Gründe am Markt gar nicht gibt. Das ändert sich nun, wir werden 2019/20 wahrscheinlich überwiegend gefördert bauen. Am freien Markt eine gewidmete Liegenschaft zum förderbaren Preis zu kaufen, ist an und für sich undenkbar. Momentan ist die Pipeline gut befüllt, aber wenn man in nächster Zeit nicht die Möglichkeit findet, Liegenschaften zu leistbaren Konditionen zu kaufen, wird es wahrscheinlich in 4-5 Jahren ein bißchen dünner mit der Produktion

RunderTisch3.jpg © Artner Von links: Hans Jörg Ulreich, IGPI; Thomas Thaler, ZIMA; Andreas Holler, Buwog;  Reinhard Pacejka, AC Wohnen; Roman Ascherov, AIRA; Roland Pichler, Die Wohnkompanie; Stefan Messar, Glorit; Daniel Walter, Grossmann Immobilien

Frau Bauernfeind, wie sieht das EHL als größter Wohnungsmakler in Wien? Ist da großer Handlungsbedarf?

Sandra Bauernfeind: Die Wohnungswirtschaft ist die letzten Jahre aufgrund der demographischen Entwicklungen in Wien vor extreme Herausforderungen gestellt worden. Ich glaube, es braucht den Schulterschluss zwischen gewerblich und gemeinnützig, weil die Themen ja auch die gleichen sind, die gestiegenen Baukosten, die Grundstückskosten. Das betrifft alle. Was wir in der Diskussion immer wieder sehen, ist das Thema, dass derzeit die Rechtssicherheit fehlt. Ich möchte das Thema der Hausabbrüche im Sommer dieses Jahres aufs Tapet bringen, das natürlich nicht unbedingt dafür gesorgt hat, dass sich Bauträger sehr sicher fühlen, wenn sie entsprechende Objekte gekauft haben. Die beste Preisregulierung ist nach wie vor genügend neuen Wohnraum zu schaffen. Wir sind, was die Baugenehmigungszahlen angeht, auf einem extrem hohen Niveau. Ich glaube auch, dass in den nächsten Jahren diese Lücke geschlossen wird. Viele neue Projekte gehen vom Eigentum in die Vermietung. Wir haben gerade den Zuschlag für ein sehr großes Vermietungsprojekt erhalten, mit 500 Wohnungen. Da tut sich schon etwas am Markt.

Was sind die Schwerpunkte von Rustler für nächstes Jahr?

Alexander Scheuch: Wir setzen sehr stark auf die Außenbezirke und werden dort 2019 zwei größere Projekte in Angriff nehmen. Auch in Ottakring werden wir drei neue Projekte entwickeln. Da wir auch Bestandsimmobilien in großer Zahl bewirtschaften, möchte ich eine Lanze für die Qualität der privaten Immobilien in Wien brechen. Hier kann sich Wien, was Qualität betrifft, wirklich sehen lassen, und das bei einem ganz anderen Preisniveau als anderswo. Nur um die Relation zu zeigen: In Paris sieht man gegenüber Wien fast die vierfachen Preise. Wir investieren wirklich sehr viel in die Qualität der Bestandsprojekte. Bauen ist die beste Hilfe gegen Preisexplosion. Wir sehen das in Graz, wo das Verhältnis von Zuzug und Bau bei 1 zu 1 liegt und die Preise daher stagnieren. Mein Vorschlag ist, weiter gemeinsam, privat und gemeinnützig, Wohnraum zu schaffen.

Steigende Baupreise erfordern neue Form der Zusammenarbeit

Herr Hagmann, was sind Ihre Schwerpunkte für 2019?

Elmar Hagmann: Wir bringen im Jahr rund 60 bis 80 Wohnungen auf den Markt. Nicht jedes Jahr, aber wir versuchen das kontinuierlich zu schaffen. Was die Baukosten betrifft, möchte ich Sie alle einladen, neue Wege zu gehen. Wir klopfen uns alle auf die Schultern, was die Wohnungswirtschaft und die Wohnbau-Modelle in Wien betrifft. Aber was die gemeinsame Bauabwicklung, gemeinsame Partnerschaftsmodelle, gemeinsame Baudurchführung betrifft, sind wir immer noch weit hinten. Wenn wir gemeinsam in einen besseren Bauprozess hineingehen, in eine bessere Planung, bessere Arbeitsvorbereitung, dann werden wir auch mit den Preisen alle besser zurechtkommen. Davon bin ich überzeugt. In diesem Sinne würde ich mir wünschen, dass es da mehr Partnerschaften gibt zwischen privaten und geförderten Wohnbauträgern, um gemeinsam stärker zu werden und Optimierungen zu erreichen.

Wien hat sich eine neue Bauordnung gegeben und hat dafür Lob und Kritik eingeheimst. Funktioniert sie? Wird sie funktionieren?

Gaal: : Ich glaube, wenn es einerseits Kritik und andererseits Lob gibt, dann liegen wir ganz gut in der Mitte. Ich bleibe dabei: Ich sehe es als Aufgabe der Stadt, leistbare Wohnungen für die Wienerinnen und Wiener anbieten zu können. Die neue Widmungskategorie „Geförderter Wohnbau“  ist ein wichtiger Schritt, um Spekulation bei Grundstücksgeschäften einzudämmen und um noch mehr geförderte Wohnungen für unsere Stadt zu ermöglichen. Ich möchte nämlich keinesfalls erleben, dass die Mittelschicht aus der Stadt gedrängt wird, weil sie sich das Leben in der Stadt nicht mehr leisten kann. In einigen europäischen Städten ist das bereits passiert: Polizeibeamte, Feuerwehrleute oder Krankenschwestern können sich dann das Wohnen in der Stadt nicht mehr leisten und müssen ins Umland ziehen. Wir in Wien können zurecht stolz auf die soziale Durchmischung in unserer Stadt sein, die auch den sozialen Frieden garantiert. Die neue Flächenwidmungskategorie für leistbaren Wohnraum soll genau dazu beitragen.

Neue Widmungskategorie mit dem Ziel, dass Grundstückspreise sinken

Wurm: Es wird greifen und es muss auch greifen. Es ist nicht so, dass der Markt bei knappen Gütern funktioniert, das ist eine Schimäre. Das erleben wir jetzt die letzten Jahre ganz drastisch. Wenn wir alles dem Markt überlassen würden im Bereich der Grundstückspreise – wir haben das hochgerechnet – dann wären wir bis 2020 bei 2000 Euro pro Quadratmeter Nutzfläche. Da kann man keinen leistbaren Wohnraum mehr schaffen. Daher ist es ganz entscheidend, wenn leistbares Wohnen als öffentliche Aufgabe gesehen wird und das sagen alle Politiker. Wenn man also dem Markt jetzt Schranken setzt, indem es eine neue Widmungskategorie gibt mit dem Ziel, dass die Grundstückspreise sinken, dann verstehe ich nicht wenn manche sagen, das wollten wir gar nicht. Ich halte es für eine sehr wichtige Maßnahme. Es wird ein bisschen dauern, aber es wird greifen. Auch aus einem zweiten Grund: Wir sehen ein wenig einen Wandel vom Eigentum zur Miete. Warum? Weil beim Eigentum schön langsam die Decke erreicht ist. Es wird also wahrscheinlich in den nächsten Jahren weniger zur Produktion von Eigentumswohnungen kommen. Vielleicht wird es im freifinanzierten Segment auch billiger, aber das nützt dem Mittelstand, dem unteren Teil des Mittelstandes überhaupt nichts, denn die haben dort eh nie hinschauen können. Das war außer Reichweite. Ich halte diese Entwicklung für sehr spannend, ich halte es für sehr wichtig, dass ein deutliches Zeichen gegen den Markt gesetzt wurde.

Ulreich: Vorweg: es gibt nichts dagegen einzuwenden, dass gemeinnützige Bauträger und private näher zusammen rücken. Meine Kritik richtet sich ausschließlich an die Stadtpolitik. Leistbare Wohnungen hat die Stadt nicht für sich gepachtet, auch private Wohnungen sind leistbar. Im Gegensatz zu Deutschland haben wir in Wien genügend billige, soziale Gemeindebauwohnungen im Bestand. Das Problem ist, die sozial Schwächsten bekommen sie nur sehr schwer. Zweitens könnte man mit Nachverdichtung auf diesen Bestand 130.000 neue billige Wohnungen bauen. Auch hier bewegt sich wenig. Wenn einkommensgerechte Vergaben und Nachverdichtung nicht in Angriff genommen werden, reichen auch 100 Prozent Widmung für gemeinnützigen Wohnbau nicht aus.

Kirschner: Wir arbeiten schon über eine lange Zeit im besten Einvernehmen mit den Gewerblichen und wissen, wie wichtig dieses Zusammenspiel auch für den Ausgleich der Stadtteile ist. So hat man vor 15 Jahren die städtebauliche Entwicklung aufgestellt, weg von den Monostrukturen, hin zu mehr gemeinnütziger und gewerblicher Durchmischung. Bei der Biotope City am Wienerberg haben wir jetzt zügig die Widmung gemacht und dort ein ausgewogenes Verhältnis erzielt. Das ist alles in Bau, inklusive 25.000 Quadratmeter Bürofläche, was dort auch wichtig ist, sowie einem Schulcampus. Nachdem Wien in der Wohnbaupolitik international Leader ist, ist es umso wichtiger, dass man ein klares Statement setzt. Die neue Widmung ist so ein klares Statement. Wohnbauförderung ist in Wirklichkeit eine breite Mittelstandsförderung. Die Gemeinnützigen sind auch die Hüter dieser Steuermittel über lange Zeit. Ein gewerblicher Wohnbauträger ist nach der Ausfinanzierung eines Projekts vielerorts nicht mehr engagiert. Nichtsdestotrotz, wenn der Bedarf vorhanden ist, müssen alle mithelfen.

Pacejka: Wir bauen zwischen 50 und 100 Wohnungen pro Jahr. Ich würde mir wünschen, dass man viel mehr auf die schon angesprochenen Abstimmungsnotwendigkeiten zwischen den Planenden und den Vorgaben eingeht. Sie werden vielleicht oft in einer Weise eingesetzt, die nicht unbedingt notwendig ist. Man sollte hier auf noch bessere Kooperation setzen.

Holler: Ich hoffe hier auf die Stadt Wien. Es wird darauf ankommen, wie das neue System gelebt wird. Ich sage Achtung in Richtung Behörden und Achtung in Richtung Politik, die Frage ist die Anwendung.  Dass es das neue Tool gibt, finde ich gut. Was ich kritisiere ist, dass in diesem Zusammenhang kaum mit der privaten Wohnbauwirtschaft gesprochen wurde - etwa um zu hören ob man es vielleicht optimieren kann. 

Mehr Wohnbau erfordert auch Investitionen in Infrastruktur

Pech: Ich glaube dass es wichtig sein wird, die städtische Nachverdichtung nicht aus dem Fokus zu lassen. Dann gibt es die nächsten Jahre genug Flächenreserven. Ein zweites Riesenthema ist die Infrastruktur. In Graz sehe ich ein Negativbeispiel, es wird extrem viel gebaut, aber der Verkehr und die Infrastruktur wachsen nicht mit. Solche Verhältnisse möchte ich in Wien nicht haben und darauf sollte man parallel auch ein Augenmerk haben.

Bauernfeind: Ich glaube dass jeder Bauträger oder Grundstückseigentümer durchaus bereit ist, sich auf neue Rahmenbedingungen einzustellen. Mir fehlen diesbezüglich die Übergangbestimmungen. Was passiert mit den Objekten, die schon teurer gekauft worden sind? Auch bei den Abbrüchen hat mir die ein wenig Kommunikation gefehlt. Interessieren würden mich auch die Pläne für die 2,8 Millionen Quadratmeter Bauland, die Wien als Reserve hat.

Wurm: Noch etwas, wir haben teilweise jetzt schon die Tendenz, dass die Einkommensschwächeren ins Umland ziehen. Das ist ein europaweiter Trend, der bei uns ganz vorsichtig beginnt. Was bedeutet das aber? Die billigen Arbeitskräfte wohnen draußen, haben viel mehr Aufwand und mehr Kosten um in die Stadt zu kommen. Und damit sind wir mitten im Verkehrsthema. Mehr Autoverkehr wollen wir nicht, die Konsequenzen sind aber entsprechende Investitionen in einen funktionsfähigen und dabei auch noch günstigen Nahverkehr. Also ist leistbares Wohnen für den urbanen Raum ein eminent wichtiges Anliegen.

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