Schüssel wird Aufsichtsrat bei deutscher RWE

Ex-Bundeskanzler und aktueller Nationalratsabgeordneter Wolfgang Schüssel (V) zieht in den Aufsichtsrat des deutschen Energieriesen RWE ein. Er soll in der nächsten Hauptversammlung am 22. April zur Wahl vorgeschlagen werden, sagte ein Sprecher des Essener Konzerns am 24. Februar und bestätigte damit Informationen der Zeitungen der "WAZ"-Gruppe. Kritik regt sich bereits in Österreich.

Schüssel solle zunächst aber gerichtlich in das Kontrollgremium bestellt werden. Dort ersetzt der in der Europäischen Union bestens verdrahtete Politiker den ehemaligen WestLB-Chef Thomas Fischer, der sich zum 31. Jänner 2010 aus dem RWE-Aufsichtsrat verabschiedet hat. Fischer hatte anhaltende Indiskretionen im Aufsichtsrat beklagt.

Kritik aus Österreich

Heftige Kritik an der Bestellung kommt von den Grünen und dem Anti-Atom-Beauftragten des Landes Oberösterreich. "Diese Besetzung beweist wieder einmal, warum wir in Österreich immer noch vergeblich auf eine Wende in der Energiepolitik hin zu Klimaschutz, Versorgungssicherheit und Green Jobs warten: Die Verquickungen zwischen ÖVP und der fossilen und atomaren Energiewirtschaft sind einfach zu eng", kritisiert die Umweltsprecherin der Grünen, Christiane Brunner, in einer Aussendung.

Mit dem Einzug von Schüssel in den RWE-Aufsichtsrat drohe ein schwerer Schaden für die Glaubwürdigkeit der österreichischen Anti-Atom-Politik, so Radko Pavlovec, Anti-Atom-Beauftragter des Landes Oberösterreich in einer Presseaussendung. Schüssel trage nämlich die Hauptverantwortung für die bisher gescheiterte Beseitigung von schwerwiegenden Sicherheitsmängeln des AKW Temelin. "Es ist unvorstellbar, dass ein hochrangiger österreichischer Politiker einen Aufsichtsratsposten in einem führenden Atomkonzern annimmt, dessen Aktivitäten sich gegen die Sicherheitsinteressen der österreichischen Bevölkerung richten", so Pavlovec. Schüssel sollte sein Engagement im Interesse der Glaubwürdigkeit der österreichischen Anti-Atom-Politik dringend überdenken und auf diesen lukrativen Posten verzichten, fordert der Anti-Atom-Beauftragte.

Nabucco-Mitglied RWE

Die RWE gehört zu den Top-5 Energiekonzernen in Europa. In Österreich ist das Unternehmen, das auch im Gasgeschäft stark ist, mit rund einem Drittel an der Kärntner Kelag beteiligt. RWE ist seit Anfang 2008 auch sechstes Mitglied im Konsortium zur Errichtung der Nabucco-Pipeline, das von der österreichischen OMV-Gruppe angeführt wird.

Die Erdgaspipeline Nabucco könnte ab 2020 bis zu 31 Mrd. m3 Gas pro Jahr aus Zentralasien und dem Nahen Osten nach Europa bringen und dadurch die Abhängigkeit von russischem Gas vermindern. Beteiligt sind neben OMV und RWE auch die ungarische MOL, die türkische Botas, die Bulgarian Energy Holding und die rumänische Transgaz.

RWE erzielte 2008 mit rund 66.000 Mitarbeitern einen Umsatz von 49 Mrd. Euro und einen Gewinn von 2,6 Mrd. Euro. In Deutschland ist der Energiekonzern mit Sitz in Essen nach eigenen Angaben die Nummer zwei am Markt bei Strom und die Nummer drei bei Gas. In Europa ist man den Angaben zufolge bei Strom die Nummer drei und bei Gas die Nummer sechs.

Bei der Stromerzeugung liegt RWE in Europa an zweiter Stelle, hinter der französischen EdF und knapp vor der italienischen Enel und der deutschen E.ON. Beim Stromverkauf führt E.ON vor EdF und RWE.

Hauptstandbein Kohlekraft

Die Stromerzeugung des Konzerns aus dem Ruhrpott, der auch Kernkraftwerke betreibt, lag 2008 bei 224 Mrd. Kilowattstunden (kWh). Der Großteil stammt aus Kohlekraftwerken: Auf Braunkohle entfielen laut Geschäftsbericht 33 Prozent und auf Steinkohle 28 Prozent. Auf Kernenergie - RWE betreibt unter anderem das Atomkraftwerk Biblis - entfielen 22 Prozent, auf Gas 14 Prozent. Der Anteil der erneuerbaren lag bei nur 2,4 Prozent. Zum Vergleich: Der Verbund, Österreichs größter Stromerzeuger, produzierte 2008 rund 29 Mrd. kWh, davon stammten 88 Prozent aus heimischer Wasserkraft. Umgesetzt hat der Verbund im Jahr 2008 mit rund 2.700 Mitarbeitern rund 3,7 Mrd. Euro.

Die Gagen der RWE-Aufsichtsräte können sich sehen lassen: Insgesamt erhielten die 20 Mitglieder des Kontrollgremiums 2008 4,2 Mio. Euro. Aufsichtsratsvorsitzender Ex-WestLB-Chef Thomas R. Fischer, der den Aufsichtsrat per Ende Jänner 2010 verlassen hat, kam auf 417.000 Euro, davon waren 120.000 Euro fix. Der stellvertretende Vorsitzende Franz Bsirske kam auf 278.000 Euro, davon 80.000 fix. Ein einfaches Aufsichtsratsmitglied erhält eine Festvergütung von 40.000 Euro im Jahr, mit variablen Anteilen und Ausschussvergütungen können es bis zu 218.000 Euro werden. Allerdings verdient auch der Vorstandsvorsitzende mehr als in Österreich für solche Posten üblich: Jürgen Großmann kam 2008 auf rund 9 Mio. Euro. Ein Verbund-Aufsichtsrat erhält im Durchschnitt 22.400 Euro im Jahr.