Frenzel: "Schon heute einer der größten Wachstumsmärkte"

Russland gilt als neues Eldorado der Reisebranche

Noch ist Russisch an Mittelmeerstränden im Sommer nur vereinzelt zu hören. Doch die Nachfrage der Bewohner des großen, kalten Landes im Osten nach ein paar Tagen an der Sonne wächst stetig. Schon in zehn Jahren werden Russen nach Einschätzung der Marktforschungsfirma Mintel in Europa die viertgrößte Urlaubergruppe nach den Deutschen, Briten und Franzosen stellen.

Reisekonzerne rüsten sich für die neuen Geschäftschancen - auch aus der Not heraus, dass sie in ihren weitgehend gesättigten Heimatländern nur noch wenig zulegen können und vor allem Besitzstände verwalten. "Russland ist heute schon einer der größten Wachstumsmärkte", sagte TUI-Chef Michael Frenzel vergangene Woche beim Start der Marke TUI in Russland.

Das Potenzial in dem Land mit mehr als 140 Mio. Einwohnern ist riesig. Infolge der Finanzkrise schrumpfte die Zahl der ins Ausland gereisten Russen laut Marktforscher IPK 2009 zwar um 12 %. Nun komme der Markt aber wieder auf die Beine, so Frenzel. Fast jeder Dritte Kunde wolle 2010 mehr Geld für Urlaub und Reisen ausgeben.

Der Chef des Reiseverbands DRV sieht in Russland enormes Potenzial. "Der Markt ist heute da, wo er in Deutschland in den 1960er Jahren war", sagte Präsident Klaus Laepple am Rande der ITB. Doch es gebe auch große Risiken. Die gesetzliche Lage sei oft schwierig, zudem berichteten manche Veranstalter von mafiösen Zuständen. "Die Russen buchen extrem kurzfristig", ergänzte er. "Daher müssen Veranstalter extrem gute Nerven haben." Dieses Buchungsverhalten erschwert es den Veranstaltern, die richtige Anzahl an Flügen und Hotels bereit zu halten.

Neben TUI steht Verfolger Thomas Cook bereits in den Startlöchern gen Osten. Der deutsch-britische Konzern steht Kreisen zufolge kurz vor der Übernahme oder einer Beteiligung an der ehemaligen Sowjet-Reiseagentur Intourist. "Wir werden geduldig sein und nicht zu viel zahlen", sagte Finanzchef Paul Hollingworth mit Blick auf die Russland-Vorhaben.

Intourist hatte während des Sowjetregimes ein Monopol als Reiseveranstalter. Mit der mittlerweile zur Öl- und Telekomgruppe Sistema gehörenden Firma würde sich Thomas Cook daher einen gut in der Wirtschaft und Politik vernetzten Verbündeten ins Boot holen. "Ohne so einen Partner geht in Russland gar nichts", sagt Tourismusexperte Karl Born.

"Bereit für den Aufschwung"

Bei der Expansion in Russland treffen TUI und Cook auf den Schweizer Anbieter Kuoni - die Nummer vier in Europa - der dort sei drei Jahren aktiv ist. Das Tochterunternehmen UTE Megapolus litt zwar in der Finanzkrise und baute 2009 um. "Nun sind wir bereit für den Aufschwung", sagt ein Sprecher. Gegen den Trend hat sich Europas drittgrößter Anbieter Rewe Touristik hingegen erst vor Kurzem von seinem Russland-Engagement Itours getrennt.

Europas Marktführer TUI, dessen größter Eigner der russische Oligarch Alexej Mordaschow ist, hofft auf ein großes Stück vom russischen Kuchen und will bis 2012 rund 45 Mio. Euro investieren. 2010 will TUI Russia - unter dieser Marke treten die Gemeinschaftsunternehmen von TUI und Mordashows S-Group nun an - auf 10 % Marktanteil kommen. Der Gesamtmarkt für Auslandsreisen wird Experten zufolge 2010 wohl 7 bis 8 Mrd. Dollar (5,1 bis 5,9 Mrd. Euro) betragen.