Forscher: Darum ist die Sterberate in Italien so hoch

Schon mehr als 6.000 Tote

Forscher: Darum ist die Sterberate in Italien so hoch

Wissenschaftler untersuchen, warum in Italien besonders viele Menschen an Covid-19 sterben.

Die Situation rund um Covid-19 in Italien mit mehr als 6.000 Todesopfern und mehr 63.000 Infizierten hat international für großes Aufsehen gesorgt. Italienische Wissenschafter haben erstmals analysiert, warum so hohe Sterberaten berichtet wurden. Es liegt offenbar am hohen Anteil betagter Menschen, maßgeblich auch an der SARS-CoV-2-Teststrategie und der Definition der Covid-19-Todesfälle.
 
Graziano Onder von der Abteilung für Herz-Kreislauf-, Stoffwechselerkrankungen und Altersmedizin am Istituto Superiore di Sanita in Rom und seine Co-Autoren haben ihre Analyse am Montag (23. März) im Journal of the American Medical Association (JAMA) online publiziert. "Die Mortalitätsrate von Personen mit labormäßig bestätigter Covid-19-Erkrankung lag in der italienischen Bevölkerung auf der Basis der Daten bis 17. März (1.625 Todesfälle/22.1512 Erkrankungen) bei 7,2 Prozent. Diese Rate ist höher, als sie in anderen Staaten beobachtet wurde."
© APA/AFP/MIGUEL MEDINA
 

Altersbedingt

Als ersten und wichtigsten Grund nennen die italienischen Wissenschafter das Alter der Betroffenen: "2019 waren etwa 23 Prozent der italienischen Bevölkerung älter als 65 Jahre. Covid-19 ist für ältere Menschen tödlicher. Das dürfte zum Teil die höhere Sterblichkeitsrate im Vergleich zu anderen Staaten erklären."
 
Die Wissenschafter verglichen die Altersstruktur von an Covid-19 gestorbenen (1.615 in Italien bis 17. März) und von 1.023 Opfern in China (bis 11. Februar). Hier einige der Vergleichszahlen:
 
 - In Italien betrug die Sterblichkeitsrate 7,2 Prozent, in China in der analysierten Gruppe 2,3 Prozent.
 
 - Die Sterblichkeitsrate von Covid-19-Patienten lag in der Altersgruppe zwischen 30 und 39 Jahren in Italien bei 0,3 Prozent, in China bei 0,2 Prozent bei jeweils sehr wenigen Fällen (Italien: vier; China: 18).
 
 - Auch in allen anderen Altersklassen war die Covid-19-Mortalität im Vergleich von Italien und China ähnlich: zum Beispiel bei den 60-bis 69-Jährigen in Italien bei 3,5 Prozent, in China bei 3,6 Prozent.
 
 - Erst bei den Hochbetagten zeigte sich ein gewisser Unterschied: Unter den 70- bis 79-Jährigen betrug die Covid-19-Mortalität in Italien 12,8 Prozent (578 Verstorbene oder 35,6 Prozent der Todesfälle), in China waren es acht Prozent (312 Verstorbene bzw. 30,5 Prozent der Todesfälle).
 
- 850 der Covid-19-Todesfälle in der Gruppe aus Italien entstammten der Altersgruppe über 80 Jahre (52,3 Prozent der insgesamt Verstorbenen). Die Mortalitätsrate betrug 20,2 Prozent. In der gleichen Altersgruppe aus China machte der Anteil der Verstorbenen über 80 Jahre an allen Covid-19-Todesopfern 20,3 Prozent aus. Es handelte sich um 208 Fälle von etwas mehr als 1.000. Die Mortalität betrug 14,8 Prozent.
 
Der extrem hohe Anteil der Covid-19-Todesopfer über 80 Jahre in Italien spiegelt offenbar die im Durchschnitt viel ältere Bevölkerung in dem Land wider.
© APA/AFP/MIGUEL MEDINA
 

Falldefinition

Ein zweiter Grund für das Ungleichgewicht bei den durch Covid-19 bedingten Sterblichkeitsraten zwischen Italien und China könnte laut den Experten in der Zuordnung bzw. Benennung möglicher Todesursachen liegen: "Die Sterblichkeitsstatistik (zu Covid-19; Anm.) in Italien basiert auf einer Definition, dass es sich bei Todesfällen von Patienten mit per Labor (PCR-Untersuchung; Anm.) bestätigter SARS-CoV-2-Infektion um Covid-19-Todesfälle handelt, und zwar unabhängig vom Vorliegen von Grunderkrankungen."
 
Hier könnte in den Statistiken derzeit der gegenteilige Effekt zu den Influenza-Mortalitätsstatistiken vergangener Jahrzehnte auftreten: Influenza-Todesfälle wurden in Österreich zumeist als Herz-Kreislauf-Versagen etc. in die Todesursachenstatistik aufgenommen, womit die Influenza als Ursache nicht "auftauchte". Jetzt aber könnten hingegen mit SARS-CoV-2 möglicherweise zu viele Todesfälle zugeschrieben werden, argumentieren die italienischen Wissenschafter.
© AFP
 

Teststrategie

In Italien zeigte sich jedenfalls an einer Gruppe von 355 an Covid-19-Verstorbenen eine extrem hohe Belastung durch alters- und gesundheitsbedingte Faktoren: Das Durchschnittsalter betrug 79,5 Jahre. 30 Prozent hatten ischämische Herzerkrankungen, 24,5 Prozent hatten Diabetes. 24,5 Prozent waren Krebspatienten. Nur drei der Verstorbenen hatten keine chronische Grunderkrankung.
 
Schließlich hätte in Italien auch die Strategie bei den SARS-CoV-2-Tests offenbar eine Auswirkung auf die Statistik gehabt, schrieben Onder und seine Kollegen: In der frühen Phase der Epidemie seien sowohl Kontaktpersonen mit und ohne Symptome getestet worden. Ab dem 25. Februar hätte man dann umgestellt auf das Testen von Patienten mit schwerem Krankheitsverlauf und auf Hospitalisierte.
 
"Diese Strategie hat sich in einem hohen Anteil an positiven Resultaten (Anteil der Infizierten unter den Getesteten; Anm.) ausgewirkt", schrieben die Experten. Der Prozentsatz lag bei 19,3 Prozent. Die Sterblichkeitsrate durch Covid-19 in Italien hätte auch dadurch bis zum 24. Februar nur 3,1 Prozent betragen, im Zeitraum bis 17 März dann plötzlich 7,2 Prozent.
 

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