„Als Mann muss man ein bisschen schlucken“

Whore's Glory

„Als Mann muss man ein bisschen schlucken“

Filmregisseur Michael Glawogger über seine Rotlicht-Doku  „Whore’s Glory“.

Die Juroren waren voll des Lobes. „Michael Glawogger fängt „die älteste Profession der Welt als Spiegel eines globalen Labyrinths aus Sex und Kommerz mit erstaunlicher visueller Eloquenz und Präzision ein“, heißt es in der Begründung für die Auszeichnung von „Whore’s Glory“ beim Filmfestival von Venedig.

In Österreichs Kinos ist die Doku, die in jahrelanger Arbeit entstand, am Wochenende angelaufen. Michael Glawogger spricht im ÖSTERREICH-Interview über die Schwierigkeiten beim Dreh, die Aussage des Films und darüber, warum Wien und Europa in seinem Film nicht vorkommen.

 

Herr Glawogger, hatten Sie darauf gehofft, mit „Whore’s Glory“ einen Preis in Venedig zu gewinnen?
Nein. Einerseits kennt man den Geschmack der Jury nicht, und andererseits findet der Wettbewerb auf sehr hohem Niveau statt. Aber natürlich ist es eine schöne Auszeichnung,  mit „Whore’s Glory“ – dem dritten Teil meiner filmischen Weltbeobachtungen nach „Megacities“ und „Workingman’s Deatrh“ – so gut anzukommen und einen Preis zu erhalten. Ich würde diesen Preis gerne nach Thailand, Bangladesch und Mexiko tragen, um den Frauen zu zeigen, wie außergewöhnlich das ist, was sie mir mit auf den Weg gegeben haben. Und dass sie wahrgenommen und verstanden werden.

 

Wieso wurde nach dem Blick auf die Metropolen und die Arbeitswelt die Prostitution zum dritten Teil Ihrer Doku-Serie?
Das ergab sich aus den beiden anderen Filmen. Vor allem in „Megacities“ gab es schon viele Momente, die das Thema streiften, und das waren besonders heftig diskutierte Szenen. Es kam mir vor, als hälten mir die zwei älteren Filme eine Frage gestellt, die noch nicht beantwortet ist. 

 

Wie würden Sie den Film beschreiben?
„Whore’s Glory“ ist ein Film über Mann-Frau-Verhältnisse, über Sexualität, der im Umfeld von drei verschiedenen Kulturkreisen, drei Religionen und drei sozialen Schichten spielt. 

 

War „Whore’s Glory“, was die Drehbedingungen betrifft, ein besonders schwieriges Projekt?
Ja. Mit einer Kamera in der Hand ist man in einem Bordell – in jedem Bordell der Welt – nicht willkommen. Dort Zugänge zu finden, das muss man sich hart erarbeiten. Ich habe 2006 mit dem Projekt begonnen, doch nicht durchgehend daran gearbeitet. Es war ein Prozess mit Unterbrechungen.

 

Hat „Whore’s Glory“ eine Message?
Verbotene Frage! (Lacht). Mein Film hat eine Haltung und Respekt vor den Protagonisten. Er  zeigt verschiedene Bereiche und Ansichten zur Prostitution – aus der Sicht der Frauen, aber auch aus der Sicht der Männer, der Freier. Dem Film eine fingerzeigende Message zu geben, wäre aber etwas, das Kunst unansehnlich macht, und genau das will ich nicht. „Whore’s Glory“ soll Dinge aufzeigen und zum Nachdenken anregen, aber eben nicht sagen, das ist gut oder böse.

 

Wie wirkt der Film auf das Publikum?
In den bisherigen Premieren habe ich den Eindruck gewonnen, dass „Whore’s Glory“ die Männer viel stärker verschreckt als die Frauen. Beim Drehen bemerkte ich das gar nich so genau, aber Frauen finden im Film andere starke Frauen wieder, mit deren Haltungen sie etwas anfangen können. Doch als Mann muss man, glaube ich, ein bisschen schlucken, wenn man  diesen Film anschaut.

 

Sie zeigen Szenen aus zwei Schwellenländern – Thailand und Mexiko – sowie aus einem Dritte-Welt-Land, Bangladesch. Warum kommt Europa nicht vor?
Hier muss ich erst einmal widersprechen. Das Milieu eines gehobenen Mittelklasse-Bordells in Bangkok entspricht dem eines großen Industrielands. Es hätte dem Film keinen Mehrwert gebracht, ihn zu Hause, also etwa in Wien, zu drehen. Ich habe drei Orte gefunden, die optisch wie inhaltlich besonders aussagekräftig sind. Es ist für meine Art des Filmemachens sehr wichtig, Schauplätze zu wählen, an denen ich etwas zeigen kann. Also etwa die Glasscheiben zwischen Männern und Frauen in Bangkok, die labyrinthhafte Anlage in Bangladesch  oder das Drive-In-Bordell in Mexiko, wo die Männer im Auto um die Frauen kreisen. Ich habe auch in Europa recherchiert, doch hier ist die wirkliche Prostitution  zu den Escort Services oder ins Internet abgewandert. Das wäre zum Filmen das Unattraktivste, was es gibt.

 

„Whore’s Glory“ ist ein Hit im weltweiten Festival-Betrieb. Nach Venedig kommen jetzt Premieren bei den wichtigen Festivals in Toronto und London. Wie beurteilen sie das Publikumspotenzial an den Kinokassen?
Ich glaube, dass der Film sein Publikum finden wird. Wie man schon am Beispiel von „Megacities“ und „Workingman’s Death“ sehen kann, haben meine Filme außerdem eine Nachhaltigkeit. „Megacities“ kam 1998 heraus, und es verging seither kein Jahr, in dem er nicht wieder aufgeführt worden wäre. Diese Filme leben. Bei „Whore’s Glory“  könnte jetzt auch der Preis in Venedig dazu beitragen, den Zuspruch zu erhöhen. Ich erhalte jetzt übrigens schon Anfragen von Festivals, die die komplette Trilogie spielen wollen. Auch eine DVD-Edition mit „Megacities“, „Workingman’s Death“ und „Whore’s Glory“ wird kommen.

 

„Whore’s Glory“ läuft derzeit in zehn Kinos in Österreich.