Aufbegehren, Poesie und Politik

Poll

Aufbegehren, Poesie und Politik

Berührendes Drama: Die Revolte eines Mädchens in einer stürmischen Zeit.

"Als ich ein Kind war, hat mein Vater mir beigebracht, dass die Erde ein Ort ist, von dem ich eines Tages verschwinden werde": Dieser melancholisch-poetische Satz führt den Zuschauer in ein Drama des großen Umbruchs und der großen Gefühle.

Wunderbare Bilder
Regisseur Chris Kraus erzählt mit edler Besetzung (Edgar Selge, Erwin Steinhauer u. a.) die Geschichte der 14-jährigen Oda von Siering (Paula Beer), die gegen die Familie und die Zeitläufte revoltiert, als sie am Familiensitz im Baltikum einen estnischen Anarchisten vor seinen russischen Häschern versteckt. Ein epischer und analytischer Film voller wunderbarer Bilder.


 

Poll
D/A 2011. 129 Min. Von Chris Kraus. Mit Paula Beer, Edgar Selge, 
Erwin Steinhauer, Richy Müller.
Bewertung:

© TZ ÖSTERREICH

„Eine junge Frau bricht aus Strukturen aus, aus denen man eigentlich gar nicht ausbrechen kann“

Der deutsche Regisseur Chris Kraus über seinen Film „Poll“

ÖSTERREICH: Herr. Kraus, Ihr Film „Poll“ kam in Deutschland auf 120.000 Besucher. Kein schlechter Wert für einen Film, der im Baltikum kurz vor dem ersten Weltkrieg spielt….
CHRIS KRAUS: Der Erfolg macht uns sehr glücklich, denn es war uns immer klar, dass sich das Thema nicht sofort erschließt. Kaum jemand weiß etwas über die Vergangenheit des Baltikums, und dann erzählen wir auch noch eine Adoleszenzgeschichte deren zwei Hauptdarsteller unbekannt sind. 

ÖSTERREICH: Was erzählt „Poll“ dem Kinopublikum von heute?
KRAUS: Es ist die Geschichte einer modernen Figur vor einem exotischen historischen Hintergrund. Der Film ist ein Abenteuer, eine Zeitreise. Die 14-jährige Oda, die Hauptfigur des Films, ist ein Mädchen, dass durch Niederlagen und Brüche zu sich selbst findet. Das ist etwas Modernes, ein Signal für das junge 20. Jahrhundert. In früheren Zeiten wurde man ja sehr stark durch die Klasse, die Herkunft definiert, und konnte dem kaum ausweichen. Gebrochene Figuren, die trotzdem Kraft haben, sind hingegen Teil der modernen Kunst und der modernen Literatur. Oda steht an der Schnittstelle zwischen dem 19. und dem 20. Jahrhundert. Sie ist eine junge Frau, die aus Strukturen ausbricht, aus denen man eigentlich gar nicht ausbrechen kann.

ÖSTERREICH: Wie verlief der Dreh?
KRAUS: Wir drehten monatelang mit dem gesamten Ensemble in Estland – auch Edgar Selge oder Richie Müller (bekannt als TV-Kommissare aus „Polizeiruf 110“ und dem Stuttgarter „ Tatort “, Anm.) blieben die ganze Zeit über. Wir mussten das so halten, weil wir so einen abgelegenen Drehort hatten: Wir waren eine Tagesreise entfernt von der Heimat. Bis zum nächsten Flughafen fuhr man vier Stunden, und dann mussten wir über Skandinavien oder Berlin weiterfliegen. Die Darsteller mussten auch deshalb immer vorhanden sein, weil wir den Drehbplan dauernd umschmeißen mussten. „Poll“ spielt ja im Sommer, aber ein Sommer in Estland ist fast wie ein Winter in Österreich. Es war so kalt, dass wir nur an zwei Tagen in T-Shirts herumlaufen konnten. Weil das Wetter dauernd wechselte, war es notwendig, ganz kurzfristig zu entscheiden, welche Szenen wir drehen – drinnen im Haus oder draußen. Diesen Film zu machen, war ein wahnsinniger Ritt: Wir hatten 100 Stunt-Reiter, die wir aus Polen über Litauen und Lettland nach Estland bringen mussten. Und manchmal hatten wir 300 Komparsen am Set, die wir alle aus dem vier Stunden entfernten Tallinn holen mussten. Die gesamte Postproduction – Tonbearbeitung, Musikbearbeitung etc. – fand dann in Wien statt.