,Blut, Schweiß und Tränen‘

Interview

,Blut, Schweiß und Tränen‘

Der Schweizer Robert Hunger-Bühler spielt in Matthias Hartmanns Botho-Strauß-Uraufführung.

In Botho Strauß’ Das blinde Geschehen verkörpert Hunger-Bühler – einst Stütze des Wiener Ensembletheaters, inzwischen Star von Regiegurus wie Peymann und Stein – einen Cyberfreak, der die virtuellen Welten der Realität aus Blut, Schweiß und Tränen vorzieht. Bis eine Lady aus Fleisch und Blut (Dörte Lyssewski) ihn herausfordert ...

ÖSTERREICH: Ist „Das blinde Geschehen“ ein moralisches Stück? Das gegen das Wegdriften in virtuelle Welten und für mehr „Erdung“ plädiert?
Hunger-Bühler: Es wird nicht eindeutig Stellung bezogen für Schweiß, Blut und Tränen und gegen das Abdriften in eine aseptische Cyberwelt.

ÖSTERREICH: Phänomene wie „Second Life“ werden nicht als Gefahr dargestellt?
Hunger-Bühler: Der Mensch möchte sich, seit er auf Erden ist, vervollkommnen. Und das gelingt auch mit Technologie. Ob er am Ende des Tages deren Opfer wird …? Dieses Rennen ist noch nicht gelaufen! Ich habe mir während der Proben gedacht, wie hätten Nietzsche oder Tolstoi reagiert, wenn sie ein MacBook vor sich gehabt hätten? Die wären doch empfänglich dafür gewesen …

ÖSTERREICH: ... viele Schriftsteller schreiben noch heute auf der Schreibmaschine …
Hunger-Bühler: ... Handke schreibt mit dem Bleistift!

ÖSTERREICH: Sind Sie selbst anfällig fürs virtuelle Abdriften?
Hunger-Bühler: Ich kenne das höchstens von späten Abenden nach aufreibenden Tagen, wenn man noch etwas auf Google oder Wikipedia sucht – und plötzlich sind drei Stunden weg!

ÖSTERREICH: Das passiert einem mit einem Buch auch …
Hunger-Bühler: … nur, dass da nach dem Klappentext die Seite 1 kommt und dann irgendwann die Seite 100. Während man mit Google vom Hundertsten ins Tausendste kommt.

ÖSTERREICH: In dem Stück kommen viele literarische Bezüge vor …
Hunger-Bühler: … Pirandellos Riesen vom Berge, Merlin, Prospero … Die Schnitttechnik, die Botho Strauß anwendet, folgt dem Duktus des Computers. Man sucht einen bestimmten Code, landet an marginalen Ecken, kehrt zurück ins Zentrum, das verschwimmt dann wieder ... fast alzheimerisch!

ÖSTERREICH: … Cyberspace und Alzheimer? Ein interessanter Zusammenhang!
Hunger-Bühler: Mir fällt das ein, weil ich gerade Arno Geigers Buch über seinen demenzkranken Vater, Der alte König in seinem Exil, gelesen habe. Ein wunderbares Buch, das zum Teil so humorvoll geschrieben ist, dass es einem die – bei Schauspielern natürlich immer vorhandene – Angst vor dem Verlust des Gedächtnisses nimmt. Ein tröstliches Buch!

ÖSTERREICH: Wie inszeniert Matthias Hartmann?
Hunger-Bühler: Hartmann inszeniert wohltuend „anti-intellektuell“. Er agiert mit uns wie mit Sängern, was bei Botho Strauß, bei dem der „Sound“ ja ganz wichtig ist, durchaus Sinn macht.