Henzes "Pollicino": Staatsoper lockt die Kinder zum Menschenfresser

Henzes "Pollicino"

Oper lockt Kinder zum Menschenfresser

Erste Kinderoper seit zwölf Jahren auf der Hauptbühne der Staatsoper.

Beinfreiheit war am Sonntagmittag (28. April)  im Auditorium der Wiener Staatsoper kein Thema: Erstmals seit zwölf Jahren feierte mit Hans Werner Henzes "Pollicino" wieder eine Kinderoper im regulären Spielbetrieb ihre Premiere auf der Hauptbühne - ein Herzensprojekt von Direktor Dominique Meyer. Und mit der poetischen Inszenierung des Gruselmärchens durch Regisseur Rene Zisterer und seine Bühnenbildnerin Maria-Elena Amos dürfte es fraglos gelingen, ein junges Publikum aller Altersstufen an die Oper heranzuführen.

Überlieferungen des Däumling-Märchens  

Grundsätzlich hat die Kinderseele bei "Pollicino" durchaus einiges zu verdauen, verband der erst vor einem halben Jahr verstorbene Henze doch die verschiedenen europäischen Überlieferungen des Däumling-Märchens zu einem Amalgam, bei dem sieben Buben armer Leute aus Hunger alte Schuhsohlen hinunterwürgen müssen und schließlich aus Not von ihren Eltern im Wald ausgesetzt werden - nicht gerade das einhellige Lob auf die heile Familie also. Dort treffen sie zunächst auf die harmlos-freundlichen Waldtiere, die sie aber ausgerechnet vor dem Haus des Menschenfressers Fürchterlich abliefern, wo die nächste lebensgefährliche Prüfung auf die Kinder wartet. Am Ende fliehen die sieben verlassenen Buben mit den sieben Menschenfressertöchtern, wobei sich Pollicino gleich die Älteste mit Namen Clothilde anlacht.

Düsterer Wald faszinierte Kinderaugen
Angesiedelt ist das Geschehen um die spielerische Überwindung des Bösen in einem düsteren Wald, der den poetischen Kinderbüchern von Maurice Sendak ("Wo die wilden Kerle wohnen") entsprungen sein könnte. Die Entscheidung, das Rudel der Waldtiere, darunter auch Ulrike Helzel als Uhu, in überdimensionierten Tierköpfe auftreten zu lassen, erinnert hingegen an die Fabelillustrationen des Biedermeier. Schließlich bindet man das gebannte Publikum mit der Idee an die Bühne, eine Brücke über den Orchestergraben zu spannen, die mal als Fluss, mal als Weg fungiert. So weiß der von Andreas Hörl mit kalmierendem Spielwitz gegebene Menschenfresser, der aussieht wie ein mexikanischer Wrestler mit blutverschmierten Stiefeln, die bereitgestellte Brücke zu nutzen, um mit der Zeile "Schnufti, schnufti - Kinderfleisch liegt in der Lufti" den kleinen Operndebütanten einen ordentlichen Schrecken einzujagen.

Schauspieler und Musiker begeisterten 
Im Graben kostet der kinderopererprobte Gerrit Prießnitz Henzes Stil- und Instrumentierungspluralismus voll aus. Mal lässt er die Violinen mitweinen, mal die Percussion den Abmarsch instrumentieren, um sogleich das Geschehen auf der Bühne wieder flötenlastig und pianogetrieben zu konterkarieren. Komponiert hat der deutsche Wahlitaliener Henze das Werk für sein 1976 in Montepulciano begründete Festival "Cantiere Internazuionale d'arte", das Musik an die Kinder seiner Zeit vermitteln sollte. Kinder und andere Laien sangen damals sämtliche Partien.

Große Premiere im Haus am Ring
Für die Wiener Staatsoper stellte "Pollicino" hingegen eine Premiere dar, auch wenn das Stück im deutschsprachigen Raum Erfolge feierte, so 1983 an der Volksoper oder 2011 in Baden. Wie in Montepulciano setzt man auch in Wien auf die Mischung der verschiedenen Sänger, weshalb sich Absolventen der Opernschule neben Ensemblemitgliedern finden. Als Titelfigur Pollicino beeindruckte Mattheus Sinko mit angenehm-weichem Knabensopran, dem als gebeutelte Mutter Caroline Wenborne mit großer Erfahrung im Kinderopernbereich zur Seite stand, ist sie doch mit ihrem brustgetragenen Sopran doch bei der Erfolgsproduktion von Wagners "Feen" im Kinderzelt regelmäßig zu sehen.

Vorgeschmack auf Herbst
Rene Zisterer liefert an der Staatsoper, wo er im Herbst den Posten des Oberspielleiters übernehmen wird, ein tadelloses Regiedebüt, das mit liebevollen Details bis hin zum in Hausform gestalteten Programmheft die Rutsche in die Opernwelt legt. Einzig die fehlende Untertitelung erschwert den bereits des Lesens mächtigen Neobesuchern an mancher Stelle den Zugang.

Info

"Pollicino" von Hans Werner Henze in der Staatsoper, Opernring 2, 1010 Wien in der Regie von Rene Zisterer unter Dirigent Gerrit Prießnitz. Mit Mattheus Sinko (Pollicino), Alfred Sramek (Vater), Caroline Wenborne (Mutter), Andreas Hörl (Menschenfresser), Simina Ivan (Ehefrau des Menschenfressers), Ulrike Helzel (Uhu), Clarisse Jähn (Clothilde) ,u.a. Weitere Aufführungen am 1., 4., 7. und 8. Mai, am 18., 20. und 25. Dezember sowie am 4., 7. und 8. Mai 2014. www.staatsoper.at.