Herr der Fliegen

Beklemmend & zeitlos

"Herr der Fliegen" regiert im Renaissancetheater

Michael Schachermaier inszeniert bild- und tonstarken Klassiker.

Für William Golding war die Arbeit an seinem 1954 erschienenen Roman "Herr der Fliegen" die "einzige Möglichkeit, der Erinnerung des Kriegs zu entkommen, ohne für immer zu einem seelischen Krüppel zu werden". Fast 60 Jahre später gehört der zum Klassiker gewordene Stoff noch immer zum fixen Repertoire vor allem des Jugendtheaters. Die Parabel über das Ende der menschlichen Unschuld hat der junge Salzburger Regisseur Michael Schachermaier, der zuletzt am Burgtheater einen dämonischen "Alpenkönig" inszenierte, nun für das Theater der Jugend in einer ausdrucksstarken wie eindrucksvollen Version auf die Bühne gebracht. Ein erschreckend aktueller Abend, der ohne verkrampfte Modernisierungsversuche doch auch an tödlich ausgegangene Mobbing-Fälle der letzten Jahre gemahnt.

Herr der Fliegen wieder in Wien
Die Insel, auf der die Gruppe von Schülern nach einem Flugzeugabsturz gestrandet ist, erinnert im Renaissancetheater mehr an die Ruinen eingestürzter Stahlbetonbauten denn an einen Dschungel. In kaltem Licht liegen die Trümmer kreuz und quer über der Bühne und bilden eine postapokalyptische, monströse Kulisse für den Horrortrip, der den jungen Männern bevorsteht. Haben sie zu Beginn noch harmonisch vereint an der Bühnenrampe die Hymne "Jerusalem" zum Besten gegeben, zeichnen sich schon in den ersten Minuten am idyllischen Strand die sich bald auftuenden Gräben zwischen den Protagonisten Ralph und Jack auf.

Licht und Ton dabei wesentlich

Dabei setzt Schachermaier von Anfang an auf den ausdrucksstarken Einsatz von Licht und Ton, ohne diesen jedoch zu seichten Effekten verkommen zu lassen: In durch Blackouts unterbrochenen, kurzen, filmisch anmutenden Szenen, die in gleißendes Licht getaucht sind, rattern die Burschen durch Goldings gruppendynamische Abwärtsspirale. Dennoch wirkt die Inszenierung nie gehetzt. Vielmehr hat der Regisseur sichtlich intensiv mit seinen hervorragenden Darstellern gearbeitet, die ihre Charaktere binnen kürzester Zeit etablieren und sich fortan deren dunkler Transformation widmen können. Allen voran Raphael Nicholas als Antagonist Jack, der in einer Mischung aus kindlichem Fantasieüberschuss und männlichem Blutrausch die Jagd auf Schweine und "das Biest" aufnimmt und zusehends alle Gruppenmitglieder auf seine Seite zieht.

Hoffnung auf Rettung ständiger Begleiter
Dabei hält sich Alexander Absenger lange Zeit als charismatischer, überlegter Anführer Ralph, der stets die Hoffnung einer Rettung im Auge behält und umsichtig mit den unterschiedlichen Charakteren der Gruppe umgeht. Herrlich prototypisch gibt Andre Haedicke den unbedarften Piggy, Jennifer Newrkla behauptet sich als einzige Frau in der Rolle des Nesthäkchens Perceval.Unterstützt wird die Höllenfahrt, die streckenweise einem unglückseligen Acid-Trip auf einer Techno-Party gleicht, vom hervorragenden Bühnenbild (Judith Leikauf und Karl Fehringer) sowie den schlichten, aber originellen Kostümen von Susanne Özpinar. Die Gebäudetrümmer eignen sich nicht nur als Rampe auf die zweite Ebene, die den Insel-Hügel darstellt, sondern auch als Rahmen für die Höhle des Monsters oder die Andeutung des Unterholzes, in welches sich Ralph zum Ende hin verkriecht.

Stück mit zeitlosem Charakter

Michael Schachmaier setzt vollends auf die Kraft und das Thema des Textes, um dessen Zeitlosigkeit zu untermauern. Er braucht keine modernen Accessoires, um das junge Publikum wachzurütteln. Unheilvolle Gruppendynamik, wie sie sich in den letzten Jahren vom Klassenzimmer hinein ins virtuelle (soziale) Netzwerk verlagert hat, ist wohl jedem bekannt. Und so ist Schachermaiers "Herr der Fliegen" ein willkommener Wink aus der Vergangenheit, sich Gedanken über die Prozesse im eigenen Umfeld zu machen. Dies geschieht keinesfalls

Info
"Herr der Fliegen" von Nigel Williams. Nach dem gleichnamigen Roman von William Golding am Renaissancetheater, Theater der Jugend. Regie: Michael Schachermaier. Weitere Termine: 11. - 13., 15. - 20., 22. - 27., 29. und 30. April sowie am 2. und 3. Mai. Alle Informationen zum Stück sowie zum Theater der Jugend finden sie hier.