Schmusesänger, der Rockstar sein will

James Blunt in Wien

Schmusesänger, der Rockstar sein will

Brite verliert zwischen starken Balladen und Rockstar-Posen an Glaubwürdigkeit.

"Let's make this a rock'n'roll concert", rief ein vor Energie sprühender James Blunt am Mittwochabend dem gänzlich auf Sitzplätze verteilten Publikum in der beinahe ausverkauften Wiener Stadthalle zu. "Aber davor muss ich noch ein paar traurige Songs spielen." Man kann den Herzschmerz-Barden ob seiner Pop-Schnulzen, die ihn vor sieben Jahren berühmt gemacht haben, ablehnen. Aber eines muss man ihm lassen: Der 37-Jährige bewies beim Wien-Gastspiel seiner "Some Kind Of Trouble"-Tour jede Menge Selbstironie, wenn es um seine von Leid und Sehnsucht getränkten Balladen ging. Wäre da zwischendurch nicht der verkrampfte Versuch, sich als Rockstar zu positionieren, könnte man den Briten dabei fast liebgewinnen.

"Hebt eure T-Shirts"
Das Problem bei dem 90-minütigen Mix aus Balladen und flotten Pop-Nummern, alten Hits und neuen Songs, ist nämlich die Frage der Glaubwürdigkeit: Wenn Blunt in einem Moment die weiblichen Konzertbesucher auffordert, doch kurz ihre T-Shirts zu heben und ihre Brüste zu entblößen ("Wenn ich weiter dränge, bekomme ich vielleicht, was ich will"), und gleich darauf unter einem einsamen Scheinwerfer die ultimative Ballade "Goodbye my lover" anstimmt, kauft man ihm den Frauenversteher mit gebrochenem Herzen nicht mehr ab. Genauso wenig geht er mit dem deutlich flotteren, aktuellen Material als Rockstar durch - anders als sein 22-jähriger Landsmann Julian Perretta, der mit melodiösem Pop und jugendlichem Charme ein tanzbares Vorprogramm lieferte, die reservierte Menge aber kaum für sich gewinnen konnte.

Schmuseimage ablegen
Man kann ja verstehen, dass James Blunt, der seit seinem Durchbruch immer wieder mit wilden Partys und Sex-Geschichten in den Schlagzeilen war, sein Schmuse-Image ablegen will. Aber sein Balladen-Programm muss er ob seiner Zielgruppe, die sich seit Beginn seiner Karriere von Mädchen, die ihre Mütter zu Konzerten mitnahmen, zu Müttern, die ihre Töchter oder Partner mitschleppen, gewandelt hat, trotzdem abspielen. Auch das nimmt Blunt mit Ironie: "Ihr seid jung im Herzen" ruft er mittendrin den schmachtenden Fans zu. Die Momente, in denen er mit leidendem Gesicht, bedeutungsschweren Gesten und sehnsüchtigen Blicken in die Ferne nur mit Gitarre oder am Klavier Hits wie "Carry you home" oder "Same mistake" schmettert, sind eben doch seine besten. Und wenn dann das gesamte Publikum leise die Zeile "Watching you breathing for the last time" singt, bekommt sogar manch ein Blunt-Skeptiker Gänsehaut.

Unpassend
So ganz ist das aber nicht vereinbar mit dem Rest des Abends: Vier große Videowürfel und fünf vertikale LED-Streifen im Hintergrund der Bühne projizieren in knallbunten Farben billig wirkende Animationen, die optisch ablenken und überfordern. Songs vom neuen Album wie "These are the words" oder "Turn me on" kommen dazu eher als Hormon-geladene Teenie-Songs mit Schunkel-Flair statt als erwachsene Rock-Songs daher. Doch seine Fans lieben ihn so oder so. Ob er nun auf Lautsprecherboxen klettert und sich, die Arme triumphierend in die Höhe streckend, als Rockstar feiern lässt, oder mit der nächsten Ballade auftrumpft.

Say 'Schnitzel'
Über eines konnte man sich im Laufe des Abends sicher sein: Sobald der Brite es schafft, die seiner Meinung nach "viel zu zivilisierten" Konzertbesucher von ihren Sitzplätzen zu reißen, drückt er sie körperlich und psychisch mit der nächsten theatralischen Ballade gleich wieder nieder. Was am Ende bleibt, sind vor Rührung und Fröhlichkeit strahlende Gesichter, die James Blunt mit dem stimmungstechnisch eher lauen "1973" in die Nacht entlässt. Jedoch nicht, ohne davor - so will es seine Tour-Tradition - ein Foto von der begeisterten Menge zu machen. "Put your hands in the air and say 'Schnitzel'", fordert er mit einem schelmischen Grinsen. Und irgendwie hat man ihn dann ja doch wieder lieb.

James Blunt macht am 22. März in Innsbruck, am 6. Juli beim See-Rock-Festival in Unterpremstätten/Graz und am 7. Juli am Burg-Clam-Festivalgelände Station