"La Boheme" in St. Margarethen

Liebestod und Feuerwerk

"La Boheme" in St. Margarethen

Römersteinbruch: Dornhelm lieferte Opernspektakel der alten Schule.

Paris im Burgenland, enge Künstlerwohnungen im Römersteinbruch, Intimität im spektakulären Open-Air-Ambiente der Opernfestspiele von St. Margarethen? Kann das gut gehen? Die Antwort ist nach der gestrigen Premiere von Giacomo Puccinis "La Bohème" eindeutig: ja. Die Zustimmung zur Inszenierung von Robert Dornhelm ist dennoch nicht uneingeschränkt. Für den Erfolg sind viel eher die hervorragende Sängerbesetzung, die fantastische Tonanlage des Areals und die Kunst des Bühnenbildners Manfred Waba verantwortlich.

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Spektakuläres Bühnebild
Waba kennt das Areal wie seine Westentasche und hat die Opernfestspiele seit ihrer Gründung durch seine eindrucksvollen Gestaltungen der riesigen Bühne mitgeprägt. Er zaubert auch das Quartier Latin um 1900 zwischen die hoch aufragenden Felswände. Eine pittoreske Stadt- und Dachlandschaft mit Bistro, Cafe Momus, Konsulats-Büro, Künstlerateliers, kleinen Gassen und Schornsteinen, aus denen tatsächlich Rauch aufsteigt, wirkt zunächst wie ein putziges Puppenspiel-Ambiente, fährt jedoch für die Handlung immer wieder auseinander und gibt durch ein in die Tiefe gestaffeltes Schub-System die einzelnen Schauplätze frei. Besonders gelungen: das doppelstöckige, prachtvoll beleuchtete Cafe Momus des zweiten Akts.

Dornhelm  glänzt bei Opern-Regie-Debüt

  Nicht immer ist es einfach, im Getümmel von Mitwirkenden den jeweiligen Sänger ausfindig zu machen. Dornhelm gebietet bei seinem Opernregiedebüt über Scharen von Statisten, die die Gassen und Lokale bevölkern, und macht mit einem Feuerwerk den Kollegen der Seefestspiele Mörbisch (die heute Abend mit „Der Bettelstudent“ in die Post-Serafin-Ära starten) Konkurrenz. Nachdem dies für das tragische Finale der Liebesgeschichte wohl etwas wenig passend gewesen wäre, geht man mit den Raketen in die Pause. Da ist die Liebe noch jung und Mimi gesund. Dass das tragische Sterben der Hauptdarstellerin am Ende doch nicht ungestört über die Bühne geht – dafür ist nicht die Regie, sondern die Disziplinlosigkeit mancher Zuschauer verantwortlich, denen eine Pole-Position bei der Heimreise wichtiger ist als jeder Liebestod.

Protagoniosten klar im Fokus  
Filmregisseur Dornhelm, der sich in einem Opernfilm mit Anna Netrebko und Rolando Villazon bereits einmal mit "La Bohème" auseinandergesetzt hat, wirft intime Szenen wie diese als Videobild auf Bühnenbild- und Steinbruchwände. Das ist ein schlüssiger und geschickter Schachzug, um den Raum eng zu machen und auf die Protagonisten zu fokussieren. Dabei wird allerdings auch offensichtlich, dass manche Darsteller mit derartigen Close Ups mitunter überfordert sind. Große Gefühle nicht nur im Gesang, sondern auch im Großbild glaubwürdig zu transportieren, ist eine ganz besondere Kunst. Doch die Hauptlast der Emotionen sollen ohnedies nicht Gesten und Blicke tragen, sondern Arien und Duette. Und die gelingen in dieser im siebzehnten Jahr der Opernfestspiele erstmals in St. Margarethen gezeigten „La Bohème“ ganz hervorragend.

Opern-Stars glänzten bei Premiere
In der Premierenbesetzung gab es keine Schwachstelle. Die Kanadierin Marianne Fiset machte als Mimi eine gewisse darstellerische Eindimensionalität durch ihren auch in den Höhen sicheren, mit Fortdauer des Abends immer geschmeidiger werdenden Sopran mehr als wett. Der Litauer Merunas Vitulskis überzeugte als Rodolfo mit mächtiger, warmer, gut geführter Stimme. Josef Wagner und Siphiwe McKenzie gefielen als Marcello und Musetta, mit Gabriele Nani und Günes Gürle als Schaunard und Colline waren auch die übrigen Künstlerfreunde tadellos besetzt.

Orchester verzauberte
Dass sie ihr Lieben und Leiden bis in die hintersten Reihen der 5.000-Plätze-Arena transportieren konnten, lag auch am Dirigat von Alfred Eschwé, der das Festspielorchester mit dem nötigen Nachdruck die Balance zwischen Schmalz und Schmelz halten ließ, vor allem aber an der glänzend austarierten Tonanlage: Trotz der gewaltigen Beschallungs-Räume trübte kein Scheppern oder Wummern den Klanggenuss.

Alte Schule brachte viel Applaus
Robert Dornhelm hatte ein Opernspektakel der alten Schule angekündigt, nicht für Spezialisten, sondern für Gelegenheits-Opernbesucher gemacht. Genau das hat er auch geliefert. Mit sehr viel Schauwert, Stelzenläufer und opulente Kostüme inklusive. Mit feinfühliger Personenregie oder gar ungewöhnlichen Interpretationsansätzen kann er nicht punkten, doch mit dieser intimen Oper im Römersteinbruch nicht verlorenzugehen, ist bereits für sich eine erstaunliche Leistung. Nachdem sich auch das abendliche Gewitter nur am Horizont zeigte, konnte sich bei der Premiere im eindrucksvollen Steinbruchareal die Festspielstimmung voll entfalten. Die Wetterprognosen sind gut, und auch die Langzeit-Vorschau passt: Im kommenden Jahr steht „Aida“ auf dem Programm. Das scheint jedenfalls von den Dimensionen her keine riskante Wahl.

Info
"La Bohème" von Giacomo Puccini, Festspielorchester der Opernfestspiele St. Margarethen, Dirigent: Alfred Eschwé, Regie: Robert Dornhelm, Bühne: Manfred Waba, Kostüme: Barbara Langbein, Licht: Michael Grundner. Mit Marianne Fiset – Mimi, Merunas Vitulskis - Rodolfo, Josef Wagner -Marcello, Siphiwe McKenzie – Musetta, Gabriele Nani - Schaunard, Günes Gürle – Colline, u.a.; Opernfestspiele St. Margarethen. Weitere Aufführungen von 11. bis 14., 19. bis 21. und 26. bis 28. Juli sowie von 2. bis 4., 9. bis 11., 16. bis 18. und 23. bis 25. August jeweils ab 20.30 Uhr. Karte bei Österreich-Ticket: www.ofs.at

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